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Furcht vor Näzım Hikmet und seinen Schriften
Als Schüler der
Mittelschule interessierte ich mich sehr für
Fotografie. In unserer Schule fand sich nicht das nötige
Material, weshalb mein Bruder aushaif Mit unserem
Kunstiehrer richteten wir ein wunderbares Fotostudio
in der Schule ein. Wir waren alle sehr glücklich
darüber Gemeinsam mit dem Kunstlehrer bereiteten
wir eine Fotoausstellung in unserer Schule vor Bei
der Arbeit im Studio zog eines Tages unser Lehrer
ein Buch aus der Tasche, legte es auf den Tisch und
verließ den Raum. Mir fiel sogleich der Titel auf:
,,Ausgewählte Gedichte von Näzım Hikmet". Beim
Durchblättern fesselte mich ein Gedicht besonders: ,,Lasst
uns die Erde den Kindern übergeben, wenigstens für
einen Tag, / wie einen bunt geschmückten Luftballon
zum Spielen, / (...) / wenn auch nur für einen Tag
soll die Welt die Freundschaft kennen lernen. / Die
Kinder werden uns die Erde wegnehmen, / werden
unsterbliche Bäume pflanzen." Diese Zeilen
überwältigten mich. Ich schrieb sie sofort in mein
Heft. Später setzte ich unter die Bilder unserer
Fotoausstellung neben den Gedichten von berühmten
Volksbarden wie Aşık Veysel oder Pir
Sultan auch dieses Gedicht von Näzım Hikmet. Kurz vor Fertigstellung der
Ausstellung fragte der Lehrer mich, woher ich dieses
Gedicht hätte. Voller Schuldgefühle versuchte ich
gar nicht erst zu lügen, sondern erzählte ihm
alles. Ob meiner Offenheit war er mir nicht böse,
sondern lieh mir das Buch für eine Woche aus und
sagte, ich dürfte es niemandem zeigen. Meine
Leidenschaft für Poesie war geweckt. Ich begann,
auch die Gedichte anderer Dichter zu lesen.
Eines Tages fand in Malatya, der Stadt, in der ich damals
lebte, eine Versammlung der Türkischen
Arbeiterpartei, kurz TIP, statt. Die
Parlamentswahlen standen kurz bevor und es wurde
bekannt gegeben, dass zu dieser Versammlung auch
viele berühmte Leute kommen würden: Parteigründer
und andere Mitglieder Bekannte Namen wie der
Schriftsteller Yasar Kemal, der Journalist Cetin
Altan, der Autor Mehmet Ali Aybar, Behice Boran und
der Dichter Ahmed Arif waren angekündigt. Zwei
Mitarbeiter der Lokalzeitung ,,Haşhaş"
forderten mich auf, bei der Veranstaltung Gedichte
zu rezitieren. Mein Lehrer schlug mir zur Rezitation
je ein Gedicht von zwei Dichtern der klassischen
Phase vor Gewitzt trug ich jedoch zwei Gedichte N.
Hikmets, die ich auswendig konnte, vor: zuerst ,,Der
Aufruf', dann ,,Traurige Freiheit". Während
ich sprach, sah ich, wie mein Lehrer entsetzt die Hände
vor das Gesicht schlug. Doch kaum hatte ich geendet,
brandete Applaus im Saal auf Der Lehrer nahm sich
zusammen und stimmte in den Beifall ein. Am Ende der
Versammlung konnte ich mit Hilfe der beiden
Journalisten, die mich zum Vortrag der Gedichte
veranlasst hatten, die berühmten Gäste persönlich
kennen lernen. Ihre erste Frage an mich war stets:
,,Woher hast du die Gedichte von Näzım Hikmet?"
Ich erklärte, ich hätte sie von meinem Lehrer
Weder in Malatya, noch bei denen in den benachbarten
Provinzen Elazığ und Adana seien sie im
Buchhandel zu finden. Die berühmte Politikerin
Behice Boran wies ihre Begleiter an, meine Adresse
zu notieren. Der bekannte Politiker M. Ali Aybar zog
einen Federhalter aus der Tasche und überreichte
ihn mir als Geschenk.
Eine Weile später erhielt ich überraschend ein Paket von
diesen berühmten Gästen. Darin fanden sich als
Geschenk für mich Gedichtbände von Näzım
Hikmet, die. Nicht erkennen ließen, wo sie verlegt
worden waren, sowie Erzählungen und Romane anderer türkischer und einiger ausländischer
Autoren. Darüber freute ich mich sehr. Am meisten
freute ich mich über Yasar Kemals berühmten Roman
,,Ince Memed" (Memed, mein Falke).
Ab und zu half ich im Laden meines älteren
Bruders aus. Wenn er nicht da war, trug ich manchen
Kunden Gedichte vor. Als mein Bruder mich dabei
erwischte, zog er mich auf:
,,Du verkaufst den Kunden wohl Gedichte
statt Käse, Zucker und Brot."
Später rezitierte ich auch auf anderen
Veranstaltungen Gedichte. In späteren Jahren
schrieb der Fotograf Ibrahim Demirel, mit dem ich
verwandt bin, zum ersten Mal in der Türkei Gedichte
von Näzım Hikmet unter Bilder, die in
unterschiedlichen Gegenden der Türkei aufgenommen
worden waren, und ließ sie als Postkarten, Poster
und Kalender drucken. Sie fanden großen Anklang und
verbreiteten sich rasch.
Damals galten bei polizeilichen
Durchsuchungen nicht nur die Bücher von Näzım
Hikmet als Schuldbeweis, sondern auch Postkarten und
Kalenderblätter, auf denen seine Gedichte standen.
Oft wurde ich verhaftet oder in Gewahrsam genommen,
weil ich seine Gedichte gelesen hatte.
Bei einem Treffen später in Deutschland
überreichte ich Näyıms Frau Vera Tuljakowa
diese Poster und Kalenderblätter als Geschenk. Sie
war sehr gerührt, freute sich sehr und sagte, sie würde
diese Erinnerungsstücke in Nazıms Zimmer
unterbringen.
Während meines späteren Lebens in
Deutschland hatte ich ein unvergessliches Erlebnis
im Zusammenhang mit Näyım Hikmet bei einer
Ausstellung in Essen. Es war eine Ausstellung des
berühmten Malers Abidin Dino, nach dem Zerfall der
Sowjetunion. Auch der berühmte Schriftsteller Fakir
Baykurt war anwesend. Das bekannte Gedicht im Sinn,
das Näzım Hikmet für Abidin Dino geschrieben
hatte, fragte er den Maler, was uns alle
interessierte: ,,Hat er tatsächlich gefragt: ,Abidin,
kannst du ein Bild
vom Glücklichsein malen?' Und wenn ja: Hast
du dieses Bild malen können?"
Näzıms enger Freund Abidin Dino
berichtete, dass ihm diese Frage häufig gestellt würde
und dass er sich darüber freue: ,,Das war eine
von Nazıms Naseweisheiten, einer seiner
Scherze. Auch Näzım wusste, dass für das Bild
vom Glücklichsein weder Papier Farbe und Stift
ausreichen, noch meine Kraft und mein Leben. Doch er
wollte die Menschen der Welt glücklich sehen. Er
wollte, dass wir den Kindern eine schöne Welt
hinterlassen. Inwieweit gelingt uns das heute? Hier
liegt die eigentliche Frage."
Auch jene, die Näzım Hikmet nicht
mögen und ihn einst als Vaterlandsverräter
beschimpften, haben inzwischen eingesehen, dass er
ein großer Dichter war Auf wichtigen
Veranstaltungen werden seine Gedichte gelesen.
Diejenigen, die ihn ins Gefängnis warfen, die ihn
verleumdeten, sind vergessen. Doch Näzım
Hikmet lebt und er wird ewig leben und niemals
vergessen werden.
Junge Leute aus den unterschiedlichsten
Ländern, die Näzım Hikmets Gedichte lesen.
machen sich auf, unterschiedliche Sprachen, Kulturen
und Völker zu lieben. Sie lieben die Natur, die
Welt und reihen sich ein bei jenen, die für Frieden
eintreten.
Kommt, lasst uns unseren Kindern
Gedichte von Näzım vorlesen. Sie sollen den Frieden, unsere Welt, die Natur
und die Menschen lieben lernen.
Denn in ihren Händen liegt die Zukunft.
29 Mayıs 2001
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