Worthang
auf! Lieben Sie Einblicke? Molla Demirels Lyrik gestattet
Ihnen Einblicke.
In
die Seelenwelten eines kurdischen Exilanten aus der Türkei
- Schriftsteller, Pädagoge,
Fotograf
- , der seit beinahe 30 Jahren in Deutschland lebt.
Sehnsucht, Zerrissenheit.
'Bin
verweht in die Fremde...' (Meinem Land bin ich entrissen
worden). Hier das
nebelverhangene
Hyperboreia, die Sonnengestade des Mittelmeeres dort. Zermürbendes
Exil
gegen verklärtes Erinnern. So einfach geht die Rechnung
nicht auf. Demirels Interesse -
warum
scheue ich vor dem Wort Liebe zurück? - gilt den Menschen.
Das gehört sich so
für
einen Dichter. Wer sich auf Menschen einlässt, hat Grund
zur Klage. Er konfrontiert
uns
in seinen Gedichten mit Trennung und Einsamkeit. Wehmut ja,
aber nichts in Betroffenheit;
Schmerz
ja, aber niemals ein larmoyanter Ton. Denn das Glück hat
einen hellen Klang.
Und
die Sehnsucht nach Glück spannt den Horizont für Demirels
Poesie.
Das
mag Sie wiederum befremden, da Sie in einer Welt leben, die
dessen
Pervertierung
als Hasard (Glück im Spiel) oder im Gestus des
Davongekommenen
(Glück
gehabt) täglich vermeldet. Aber es kommt noch dicker.
Freundschaft, Zärtlichkeit,
Freiheit,
Völkerverständigung.
Die
großen Verheißungen. Auch Liebesgedichte. Ein
hoffnungsloser Fall? Keineswegs.
Wer
sich auf Menschen einläßt, lernt (wieder) zu staunen.
Demirels Wünsche sind groß:
'Ein
freundliches Lächeln, ein Kuß'. Soweit der Menschenfreund
in unserer Zeit. Wir
finden
ihn erstaunlich und wollen
einen Blick auf den Künstler Molla Demirel werfen.
Das
blaue Meer, die grünen Berggipfel. Rote Rosen, duftende
Nelken, ein stiller Orangenhain.
Der
Vollmond gar. Tausendfach diskreditierte Bilder gewinnen in
Demirels behutsamer
Sprache
ihre Würde zurück:
Sie
rühren uns an. Der Künstler - ein Zauberer. Überlegen
Sie: Wann haben Sie zuletzt eine
Rose
in Händen gehalten? Verschenkt? Gewiß, es sind keine
Rosen, die Sie bei Fleurop
bestellen
können. Sie müssen sich selbst auf die Suche begeben. Im
Brachland, am Rand
einer
Autobahn. Beim Morgenrot an einem Berghang. Und
vielleicht finden
Sie
keine Blumen, sondern Bombensplitter in verbrannter Erde. So
kann es einem passieren
in
einer 'geschminkten Demokratie'. Und wenn Sie Glück haben,
weinen Sie in einer
Vollmondnacht
mit dem Dichter über die 'Traurigkeit der Meere'. Mit
seinen besten
Gedichten
stellt sich Demirel in die große Tradition der modernen türkischen
Lyrik.
Farbenfrohe,
in betörenden Bildern schwelgende Sprache, jedoch bar jeder
folkloristischen
Banalität.
Ein Prospekt menschlichen Leidens und
Hoffens wird gestaltet. Bedrängnis und Aufbegehren.
'Menschenlandschaften' hieß das einst bei Nazim Hikmet. Und
das Bild der
alten
Frau mit dem Mädchen und Feuerholz auf beider Rücken gebündelt
(Bienen und
Ameisen)
hat nichts Pittoreskes mehr, sondern erweckt Anteilnahme für
Armut und
Rückständigkeit
und besserenfalls Zorn über deren Ursachen und Verursacher.
Neben
opulent ausgestatteten Texten finden wir knappe Portraits,
Miniaturen wie
'Blumenmädchen'.
Konzise Diktion ohne Verlust der poetischen Suggestion.
'Geheimnisse
bergen das Meer / die Sterne / und auch die Erde nicht
mehr.' (Der Ablauf).
Alles
ausgeforscht. Alles bekannt. Aber Mond und Sterne sind immer
noch mehr als das,
was
Riesenteleskope in ihnen erblicken; mehr als die Bilder, die
sich aus den Funksignalen
der
Raumsonden zusammensetzen lassen. Auch im 21. Jahrhundert
leuchten sie den
Liebenden,
vermischen ihre Tränen mit denen der Einsamen und
Verzweifelten. Und keine Wissenschaft vermittelt den Trost
und die Anmut seiner schönsten Bilder. 'Mit dem
Morgenwind
klopft ein Zweig an die Dächer / und die Welt wird wieder
hell' (Mit dem
Morgenwind).
So schreibt Molla Demirel an gegen die Entzauberung der
Welt; was für ihn
bedeutet,
gegen Hoffnungslosigkeit und Resignation. 'Ach / ich träume
von einem bestellten
Feld
in den Sternen' (Einsamkeit der Stadt). Seine Poesie ist
eine Huldigung an das
Geheimnisvolle,
und zugleich schöpft sie daraus. Aus dem noch nicht
Gesagten. Die größte
Kraft
widmet er folgerichtig der Wiedereinsetzung des größten
Geheimnisses: der Liebe.
Jedes
seiner Gedichte ist auch ein Plädoyer für die Liebe.
'Unter Orangenblüten /
Wird
man der Liebe nicht satt' (Die Zeit). So ist es nun einmal.
Und nicht ausschließlich unter Orangenblüten. Mit seinem
Werk erstellt er ein 'Wörterbuch der Liebe' (Spiegel der
Seele).
Lesen
Sie dieses Gedicht als ästhetisches Credo des Dichters
Molla Demirel.
Überhaupt.
Sie sollten jetzt endlich mit der Lektüre der Gedichte
beginnen. Und abschließend
eine
Leseanleitung. Sie können überall lesen: Zuhause im Sessel
oder im Garten, während
einer
Arbeitspause, in der Straßenbahn, auf dem Krankenlager, im
Gefängnis, bei einem
Picknick, im
Bad. Sollten Sie sich aber jemals oder mal wieder eine Reise
ans türkische
Mittelmeer
gönnen, stecken Sie das Buch auf jeden Fall zum Gepäck.
Und als Deutscher
sollten
Sie beginnen, Türkisch zu lernen. Oder Sie bitten einen
Einheimischen, Ihnen die Texte
im
Original vorzutragen. Wegen der Prosodie.
Januar 2000