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Topografie
der Sehnsucht – zur Lyrik Molla Demirels
Wie
Tinte trocknet / in meiner Feder, / verdorren mir Worte / im
Mund., so heißt es im
Gedicht Bittere Trennung.
Diesen
Zeilen ist das Schicksal wohl aller Sprachkunst
eingeschrieben, mit dem es fertig werden muß. Man mag sich an
den Chandos-Brief des Dichters Hofmannsthals erinnern, dem die
Worte im Mund wie modrige Pilze zerfallen.
Das
Gedicht Demirels spricht von der Zerrissenheit und Sehnsucht
eines Schriftstellers, dessen Leben und Schreiben immer auch
das eines Wanderers ist, eines Grenzgängers zwischen Welten
und Kulturen, eines Menschen, der – verweht in die Fremde
(Meinem Land bin ich entrissen worden) - beizeiten auch
das Exil des Sagbaren durchwandert.
Der
Schlussvers entwirft nicht nur eine rein poetologische
Reflexion über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der
Sprache, sondern steigert sich zur existentiellen Frage
schlechthin, die jene Bittere Erfahrung der Trennung
betrifft: Sag, Herz, / wie oft noch können Briefe / unsere
Sehnsucht beschreiben?. Mit dieser Frage tritt der Dichter
sein letztes Wort an das schweigende Weiß des Papiers ab.
Die
Sehnsucht hat viele Gesichter im lyrischen Werk Demirels; aus
zahlreichen Texten blicken sie dem Leser entgegen, in den
verschiedensten Tönen, Bildern und Wortklängen.
An
vielen Stellen korrespondiert das Leiden an der Sprache mit
einer Unbedingtheit des Gefühls. Die Thematisierung von
drohender Sprachlosigkeit im Angesicht eines Größeren, ganz
Anderen weist auf den dichterischen Impuls hin, das Wort
gerade an der Schwelle zum Verstummen umso intensiver zu
ergreifen. Und zwar von einem Innersten aus: Laßt mich, laßt
uns / im Sturm der Herzen / das Wort ergreifen. (Der
Tag entfernt sich).
Das
fühlende Zentrum, das Herz selbst, ist Ort und Ursprung der
eigentlichen Sprache, einer Sprache freilich, die nicht mehr
in Wörtern und Sätzen redet, die in einem Jenseits des
Gedichtes selbst liegt. Aber die Magie dieses Jenseits hält
Demirel durch den Zauber seiner lyrischen Sprache aufrecht. Er
bespricht und umwirbt ein absolut Unsprachliches.
In
diesem Sinne meint der Begriff der Sehnsucht immer auch die
Sehnsucht nach einer authentischen Ausdrucksmöglichkeit des
eigenen Ich. Auch im Gedicht Die Suche fordert der
Dichter auf: In Gedichten, die nicht geschrieben wurden /
in Träumen, die nicht erinnert wurden / und in deinem Herzen
/ Suche mich dort.
Die
Sehnsucht des Schreibenden nach einer universalen Sprache
steht in naher Verwandtschaft zur romantischen Literatur, in
der Naturerfahrung und Dichtung ein symbiotisches Verhältnis
eingehen. Im Gedicht ohne Wörter wird die Textur des
Gedichtes zugleich in ein Gewebe der Naturerscheinungen
verwandelt, wenn es heißt: Ein Gedicht habe ich
geschrieben / - ohne Wörter, / mit den aus Zweigen treibenden
Knospen. / Den Morgenwinden, die Wiesenduft in meine Hände
tragen, / dem an der Sonne schmelzenden Schnee / habe ich ein
Gedicht geschrieben. In synästhetischen Bildkompositionen
wuchert hier die Schrift. Derart arabeske Verschlingungen von
Schriftzeichen und wachsender Natur zeugen vom Wunsch nach
einer Vereinigung mit der Natur. Das Wesentliche - darauf
weist dieses Gedicht unmißverständlich hin - schreibt nicht
die Sprache, sondern die Natur selbst.
Sehnsucht,
dieses Phänomen hat auch mit Erinnerung und Gedenken zu tun.
Die Sehnsucht nach Vertrautem, nach der ungezähmten Natur,
den Geheimnissen, die in den Bergen, dem Wasser, dem Vollmond
wohnen: So wundersam in der Röte des Morgens / sein Schein
am anderen Ende der Ägäis, / dieser betörend lächelnde
Blick. / Immer ging Vater von den Lippen / das Lied der
Fischer von jenen Ufern. (Vollmond)
Niemals
aber gerät diese Poetik der Erinnerung zu Bildern einer verklärten
Idylle. Die ferne Heimat fungiert hier nicht als bloße
poetische Projektionsfläche, die alles andere ausblendet,
denn wenige Zeilen später vergegenwärtigt das Gedicht: In
diesem Augenblick streichelt einer die Schecks / in seiner
Tasche. Auf diese Weise trifft die literarische Erinnerung
auf das Gegenwärtige und wird zum Sinnbild für eine
verlorene Einheit, für eine ersehnte Verbindung des Menschen
mit der Natur.
Viele
lyrische Texte sind mehr als nur Ausdruck der
Sehnsucht. Der Gedichtraum selbst wird in Augenblicken zur Stätte
der Sehnsucht, das lyrische Sprechen zu einem Akt der Bergung
und der Suche. Und dort, in den einzelnen Gedichten wird
vieles, ja wesentliches geborgen, oft aus Zertrümmerung und
Zerstörung: das Lächeln eines Mädchens, der Duft einer
Blume oder die Frische des Morgens. Der dichterische Gestus
Demirels ist einer, der sich um die Wiederentdeckung der
Geheimnisse bemüht.
Was
sich in den oft sprachgewaltigen Metaphern, der poetischen
Bildfülle Bahn bricht, ist auch die Sehnsucht nach einer
reinen, kindlichen Wahrnehmung der Dinge, der Natur und der
Menschen. Der vorurteilslose Blick, die unvoreingenommene
Empfindung des Kindes sind es, die Demirel sprachlich umwirbt:
Ach, Kinder / wie sie das Meer lieben / schwimmen im
Salzwasser um die Wette / mit den Fischen / Ihr Lächeln lässt
Blumen erblühen / auf Sternen und dem weißen Gischt. (Ach,
Kinder). Hier kommt das dichterische Sprechen einer
Rettung des Verlorenen gleich, hier geschieht eine sanftmütige
und behutsame Hingabe der Sprache an die Dinge, als gelte es,
ihnen ihre verlorene Würde zurückzugeben.
Demirels
Poesie entwirft Landstriche der Seele, entführt den Leser in
blühende, sprießende Gegenden, zeigt ihm aber auch wüste,
einsame, ja menschenferne Landschaften. Verlust und Aneignung,
Rettung und Katastrophe, Fremdheit und Nähe durchwirken als
widersprüchlichste Erfahrungen die Bildebenen der Gedichte.
So
geht Demirels Sprache auch aus dem Erlebnis des Schmerzes und
des Verlustes hervor. Seine Gedichte sprechen von der
Trostlosigkeit, der Traurigkeit: Die Tränen des Euphrat,
aller Flüsse, versiegen nicht. / Die Meere sind bedeckt von
Traurigkeit. (Traurigkeit der Meere). Auch
schildern sie die bedrohliche Realität des Krieges: In
Flammen stehen meine tausendjährigen Berge. / Flugzeuge spähen
den Himmel aus. / Vögel stürzen herab, einer
nach dem anderen. (In Brand gesetzt).
In
elegischen Tönen und visionären Sprachgebärden werden Phänomene
des Entzugs, die Abwesenheit der Natur, die Einsamkeit
beklagt. Das Gedicht Einsamkeit der Stadt entfaltet den
albtraumhaften Eindruck von der Stadt auf beklemmende Weise: Du
stellst dir Sehnsucht vor? / Hast du in der Einsamkeit der
Stadt gelebt? / Im ewigen Eis? Die Stadt ist eine
entfremdete und befremdende Landschaft, eine infernalische
Verzerrung der Natur: Wie der Niagara donnern die Städte...geflügelte
Drachenschiffe segeln durch ihren Himmel.
Für
die universale Heimatlosigkeit des Menschen - selbst unter
seinesgleichen -findet Demirel eindringliche Worte: Hast du
die Sehnsucht nach Menschen gespürt / in den großen Städten?
/ Das Schweigen steckt wie ein Dolch / in deinem verlorenen
Herz, / und an deinen zerfetzten Kleidern klebt / die Heimtücke
der Augen.
Heimat und
die Sehnsucht nach Beheimatung gehen über den geografischen
Begriff weit hinaus; das wird jedem klar, der solche Verse
liest. Heimat will im Menschen gefunden sein. Und der
Dichter-Wanderer ist immer auf dem Wege, den Menschen zu
suchen und aufzusuchen. Wie ein Vogel zu wandern, ohne
Grenzen zu kennen, / und mit dem Geruch sonnengedörrter
Erde, / das ist meine Sehnsucht (Sehnsucht).
So
sät der Dichter Sehnsucht, immer wieder aufs neue, Wort für
Wort, Blume für Blume / Blatt für Blatt (Blatt für
Blatt) und ist damit noch lange nicht am Ende, zur Freude
der Leser.
Christina
Schößler
(Literatur
Wissenschaftlerin)
Kontakt:
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