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                                                                                               Studienreise                      Sanacilar Evi                                       

Inhaltsangabe:   

İnhalt:   

Lebenslauf  

Topografie der Sehnsucht – 

zur Lyrik

 
Antikrieger  
die Rekonstruktion der Geheimnisse   
Das Wort als Waffe  
Der Dichter Aus Der Ferne  
Rekonstruktion der Geheimnisse  
Kampf für Gerechtigkeit  
Ein Lebens für Frieden  
Gast bei Käthe-K. Gesamtschule  
 Lasst Bilder Sprechen  
 Eine Auszeit von der Welt  
 Frieden Rosen  
Hellwacher Trumer mit Hoffnung   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   
   

 

 

 

    Topografie der Sehnsucht – zur Lyrik Molla Demirels

Wie Tinte trocknet / in meiner Feder, / verdorren mir Worte / im Mund., so heißt es im Gedicht Bittere Trennung.

Diesen Zeilen ist das Schicksal wohl aller Sprachkunst eingeschrieben, mit dem es fertig werden muß. Man mag sich an den Chandos-Brief des Dichters Hofmannsthals erinnern, dem die Worte im Mund wie modrige Pilze zerfallen.

Das Gedicht Demirels spricht von der Zerrissenheit und Sehnsucht eines Schriftstellers, dessen Leben und Schreiben immer auch das eines Wanderers ist, eines Grenzgängers zwischen Welten und Kulturen, eines Menschen, der – verweht in die Fremde (Meinem Land bin ich entrissen worden) - beizeiten auch das Exil des Sagbaren durchwandert.

Der Schlussvers entwirft nicht nur eine rein poetologische Reflexion über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der Sprache, sondern steigert sich zur existentiellen Frage schlechthin, die jene Bittere Erfahrung der Trennung betrifft: Sag, Herz, / wie oft noch können Briefe / unsere Sehnsucht beschreiben?. Mit dieser Frage tritt der Dichter sein letztes Wort an das schweigende Weiß des Papiers ab.

 Die Sehnsucht hat viele Gesichter im lyrischen Werk Demirels; aus zahlreichen Texten blicken sie dem Leser entgegen, in den verschiedensten Tönen, Bildern und Wortklängen.

An vielen Stellen korrespondiert das Leiden an der Sprache mit einer Unbedingtheit des Gefühls. Die Thematisierung von drohender Sprachlosigkeit im Angesicht eines Größeren, ganz Anderen weist auf den dichterischen Impuls hin, das Wort gerade an der Schwelle zum Verstummen umso intensiver zu ergreifen. Und zwar von einem Innersten aus: Laßt mich, laßt uns / im Sturm der Herzen / das Wort ergreifen. (Der Tag entfernt sich).

Das fühlende Zentrum, das Herz selbst, ist Ort und Ursprung der eigentlichen Sprache, einer Sprache freilich, die nicht mehr in Wörtern und Sätzen redet, die in einem Jenseits des Gedichtes selbst liegt. Aber die Magie dieses Jenseits hält Demirel durch den Zauber seiner lyrischen Sprache aufrecht. Er bespricht und umwirbt ein absolut Unsprachliches.

In diesem Sinne meint der Begriff der Sehnsucht immer auch die Sehnsucht nach einer authentischen Ausdrucksmöglichkeit des eigenen Ich. Auch im Gedicht Die Suche fordert der Dichter auf: In Gedichten, die nicht geschrieben wurden / in Träumen, die nicht erinnert wurden / und in deinem Herzen / Suche mich dort.

 

Die Sehnsucht des Schreibenden nach einer universalen Sprache steht in naher Verwandtschaft zur romantischen Literatur, in der Naturerfahrung und Dichtung ein symbiotisches Verhältnis eingehen. Im Gedicht ohne Wörter wird die Textur des Gedichtes zugleich in ein Gewebe der Naturerscheinungen verwandelt, wenn es heißt: Ein Gedicht habe ich geschrieben / - ohne Wörter, / mit den aus Zweigen treibenden Knospen. / Den Morgenwinden, die Wiesenduft in meine Hände tragen, / dem an der Sonne schmelzenden Schnee / habe ich ein Gedicht geschrieben. In synästhetischen Bildkompositionen wuchert hier die Schrift. Derart arabeske Verschlingungen von Schriftzeichen und wachsender Natur zeugen vom Wunsch nach einer Vereinigung mit der Natur. Das Wesentliche - darauf weist dieses Gedicht unmißverständlich hin - schreibt nicht die Sprache, sondern die Natur selbst.

Sehnsucht, dieses Phänomen hat auch mit Erinnerung und Gedenken zu tun. Die Sehnsucht nach Vertrautem, nach der ungezähmten Natur, den Geheimnissen, die in den Bergen, dem Wasser, dem Vollmond wohnen: So wundersam in der Röte des Morgens / sein Schein am anderen Ende der Ägäis, / dieser betörend lächelnde Blick. / Immer ging Vater von den Lippen / das Lied der Fischer von jenen Ufern. (Vollmond)

Niemals aber gerät diese Poetik der Erinnerung zu Bildern einer verklärten Idylle. Die ferne Heimat fungiert hier nicht als bloße poetische Projektionsfläche, die alles andere ausblendet, denn wenige Zeilen später vergegenwärtigt das Gedicht: In diesem Augenblick streichelt einer die Schecks / in seiner Tasche. Auf diese Weise trifft die literarische Erinnerung auf das Gegenwärtige und wird zum Sinnbild für eine verlorene Einheit, für eine ersehnte Verbindung des Menschen mit der Natur.

Viele lyrische Texte sind mehr als nur Ausdruck der Sehnsucht. Der Gedichtraum selbst wird in Augenblicken zur Stätte der Sehnsucht, das lyrische Sprechen zu einem Akt der Bergung und der Suche. Und dort, in den einzelnen Gedichten wird vieles, ja wesentliches geborgen, oft aus Zertrümmerung und Zerstörung: das Lächeln eines Mädchens, der Duft einer Blume oder die Frische des Morgens. Der dichterische Gestus Demirels ist einer, der sich um die Wiederentdeckung der Geheimnisse bemüht.

Was sich in den oft sprachgewaltigen Metaphern, der poetischen Bildfülle Bahn bricht, ist auch die Sehnsucht nach einer reinen, kindlichen Wahrnehmung der Dinge, der Natur und der Menschen. Der vorurteilslose Blick, die unvoreingenommene Empfindung des Kindes sind es, die Demirel sprachlich umwirbt: Ach, Kinder / wie sie das Meer lieben / schwimmen im Salzwasser um die Wette / mit den Fischen / Ihr Lächeln lässt Blumen erblühen / auf Sternen und dem weißen Gischt. (Ach, Kinder). Hier kommt das dichterische Sprechen einer Rettung des Verlorenen gleich, hier geschieht eine sanftmütige und behutsame Hingabe der Sprache an die Dinge, als gelte es, ihnen ihre verlorene Würde zurückzugeben.

Demirels Poesie entwirft Landstriche der Seele, entführt den Leser in blühende, sprießende Gegenden, zeigt ihm aber auch wüste, einsame, ja menschenferne Landschaften. Verlust und Aneignung, Rettung und Katastrophe, Fremdheit und Nähe durchwirken als widersprüchlichste Erfahrungen die Bildebenen der Gedichte.

So geht Demirels Sprache auch aus dem Erlebnis des Schmerzes und des Verlustes hervor. Seine Gedichte sprechen von der Trostlosigkeit, der Traurigkeit: Die Tränen des Euphrat, aller Flüsse, versiegen nicht. / Die Meere sind bedeckt von Traurigkeit. (Traurigkeit der Meere). Auch schildern sie die bedrohliche Realität des Krieges: In Flammen stehen meine tausendjährigen Berge. / Flugzeuge spähen den Himmel aus. / Vögel stürzen herab, einer  nach dem anderen. (In Brand gesetzt).

In elegischen Tönen und visionären Sprachgebärden werden Phänomene des Entzugs, die Abwesenheit der Natur, die Einsamkeit beklagt. Das Gedicht Einsamkeit der Stadt entfaltet den albtraumhaften Eindruck von der Stadt auf beklemmende Weise: Du stellst dir Sehnsucht vor? / Hast du in der Einsamkeit der Stadt gelebt? / Im ewigen Eis? Die Stadt ist eine entfremdete und befremdende Landschaft, eine infernalische Verzerrung der Natur: Wie der Niagara donnern die Städte...geflügelte Drachenschiffe segeln durch ihren Himmel.

Für die universale Heimatlosigkeit des Menschen - selbst unter seinesgleichen -findet Demirel eindringliche Worte: Hast du die Sehnsucht nach Menschen gespürt / in den großen Städten? / Das Schweigen steckt wie ein Dolch / in deinem verlorenen Herz, / und an deinen zerfetzten Kleidern klebt / die Heimtücke der Augen.

Heimat und die Sehnsucht nach Beheimatung gehen über den geografischen Begriff weit hinaus; das wird jedem klar, der solche Verse liest. Heimat will im Menschen gefunden sein. Und der Dichter-Wanderer ist immer auf dem Wege, den Menschen zu suchen und aufzusuchen. Wie ein Vogel zu wandern, ohne Grenzen zu kennen, / und mit dem Geruch sonnengedörrter Erde, / das ist meine Sehnsucht (Sehnsucht).

So sät der Dichter Sehnsucht, immer wieder aufs neue, Wort für Wort, Blume für Blume / Blatt für Blatt (Blatt für Blatt) und ist damit noch lange nicht am Ende, zur Freude der Leser.

 Christina Schößler 

(Literatur Wissenschaftlerin)

 

 

Kontakt:

E-Mail: MollaDemirel@gmx.deTel: 0049 (0) 251 - 6742432 / 664189 

Fax: 0049 (0) 251 - 6742434                                                                   

Hernbernweg 9, D- 48163 Münster

 

 

 

 

 

 

  

 

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