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Eine Nacht mit
Sternen
Es
war eine der eher seltenen Nächte im Münsterland. Der Mond
strahlte hellrot und die Sterne glitzerten
auf dem blauen Atlas.
Der Erdboden war hell wie der Tag durch die Lichter des Mondes und
der Sterne.
Hasan
arbeitete in der Fabrik und wollte so schnell wie möglich am Fließband
die Fässer auf die Palette
stapeln und diese nach draußen
tragen, um jene kalte, saubere Nachtluft einatmen und den Mond und
die Sterne ausgiebig noch einmal betrachten zu können. Außerdem
erinnerte ihn das Rascheln der Äste
und Blätter der vielen alten
Tannen, die gegenüber dem Hallentor standen, an die Tage, als er
auf dem
Schoß seiner Mutter einschlief. Die Geräusche der Blätter
riefen die Einschlaflieder seiner Mutter in
seinem Ohr wach, als
ob seine Augen zwischen den Ästen und Blättern der alten
riesigen Bäume seiner
Mutter und Großmutter suchen würden.
Am
Fließband war es jedoch warm, aber draußen war eine trockene Kälte.
Sogar die Tannen, die gegen
den Winter kämpften und ihre Nadeln
nicht dem Wind übergaben, froren auch. Auch ein Hirte, der an
Bergluft gewöhnt und in seinem Umhang eingehüllt ist, kann solch
eine trockene Kälte nicht aushalten.
Von
den Schornsteinen der Fabrik stieg der Rauch auf. Es war,
als ob in dieser, vom Mondschein
erleuchteten kalten Nacht Silber
zum Himmel sprühte. Hasan erfreute sich diesmal an dem Anblick,
wie der aus seinem Mund austretende Atem als versilberter Rauch
aufstieg und sich mit dem aus den
Schornsteinen austretendem Rauch
zusammentrug und vereinigte. Dieser Mann, der in dem Erdgeschoß
dieser riesigen Fabrik mit einigen Arbeitskollegen
zusammenarbeitete, wußte in dieser Nacht nichts von
deren
Anwesenheit. Er murmelte etwas in sich hinein, er war einem
Wunschtraum verfallen.
Außerdem
verstand er von den Gesprächen seiner Freunde sehr wenig. Seine
Freunde verstanden von
seiner Muttersprache überhaupt nichts.
Wenn er wütend war, sprach er immer in seiner Muttersprache.
Er
dachte, daß es so besser sei. Weil er diese Nacht nur draußen
sein wollte, kamen ihm wahrscheinlich
die zwei, drei Minuten, in
denen sich die Fässer spülten, wie Stunden vor. Er wollte einen
Moment früher
nach draußen gehen, weil er den Tannen, die den
Sternen und dem Mond zurauschten, etwas sagen wollte.
Er
lebte in einer großen Stadt und arbeitete in einer großen
Chemiefabrik. Aber er beklagte ständig seine
Einsamkeit, und daß
er keinen zum Sprechen fand. Ja, soeben hatte er seine jahrelangen
Freunde, die
Sterne, gesehen. An den Abenden, an denen durch die
Fenster des aus kleinen luftgetrockneten Ziegeln
gebauten Hauses
Licht nach Innen
fiel, erzählte erst die Großmutter und nach deren Tod die Mutter
wunderschöne Märchen. ”Als ob die Sterne heimlich leise
sprachen und genauso klingen” dachte Hasan
nochmals.
Ja,
er hatte sie in gleichem Glanz und unverändert nach Jahren an
einem Abend gefunden, als er selbst
verschwitzt und müde war.
Jetzt, da er sie gefunden hatte, wollte er ihnen all seine Gefühle
erzählen,
daß er sich in diesem Land an die Menschen, an die Städte,
an die Äcker, an die Straße, den Wind
und an das Klima nicht gewöhnen
konnte, daß er ihnen immer fremd bleiben wird, daß diese
Menschen
nicht einmal einem Gast gegenüber Hochachtung zeigten,
daß diese Inländer nicht davor zurückschreckten,
ihre
Arbeitskollegen und deren Freundschaften gegen ein paar Pfennige
zu tauschen und, daß er immer
einsam war.
Deshalb
möchte er, sobald die Fässer voll und auf die Palette geladen
worden sind, nach draußen gehen.
Er zieht den mit den Fässern
beladenen Handkarren mit voller Kraft, doch er bewegt sich nicht.
Er dreht
den Wagen um und schiebt mit ganzer Kraft und als er draußen
ankommt, vergißt er, was er sagen wollte.
Er richtet seine Augen
mit seinem ganzen Gefühl auf die Sterne und schaut auf deren
Gesichter. Wie ein
Kind schickt er ihnen mit seinen Händen Küssen.
Auf diese Weise will er seine Einsamkeit und seine
Sehnsucht bekämpfen.
Außerdem ist er darüber betrübt, daß er sich nicht länger mit
ihnen unterhalten kann,
denn er muß schleunigst zurück, um am
Fließband die Fässer wieder auf die Paletten zu laden und
wegzutragen. Jedesmal, wenn er seinen Fuß nach innen setzt,
fliehen seine Hände an seine Seiten,
entweder wegen seiner
Ausweglosigkeit oder wegen der Müdigkeit und aus seinem Mund hört
man
Silben wie ”ach, oh, ach”. Das jede dieser Silben ein
Ausdruck von Unausstehlichkeit und Ausweglosigkeit
ist, ist ihm
nicht bekannt. Doch dann reißt er sich wieder zusammen und kehrt
schnell an seine Maschine zurück.
Sein
Meister kam nur selten aus seinem Büro heraus, denn er mochte es
nicht, unter den Arbeitern zu sein.
Aber auch er war einem kleinen
Ort geboren. Er war in einem Wald, in einem kleinen Haus
aufgewachsen,
weshalb auch er diese strahlenden Nächte und die
Sterne mochte. In solchen Nächten hatte er es sich zur
Gewohnheit
gemacht, draußen spazieren zu gehen und zu pfeifen.
Er
hatte gesehen, wie Hasan mit solch einer Bewunderung zum Himmel
geschaut hat und er hatte auch
Hasans ”achs” gehört. Er hatte
deutlich die Wärme, die Hasan für die Natur empfand, gespürt.
Als
Hasan atemlos den Wagen schiebend draußen ankam, näherte der
Meister sich auf seinem Spazierstock
stützend. Er klatschte ihm
einmal kräftig auf die Schulter, schaute ihn wie ein Vater in
seine Augen und sagte:
”Ich mag Deine kräftigen Arme und Deine
ehrlichen schwarzen Augen, jawohl! Wie gut Du arbeitest!
Du
verwehrst Dich nicht Deinem Broterwerb. Daß ein Arbeiter seine
Arbeit nicht vernachlässigt und
auch sonst bestrebt ist, die Schönheiten
der Natur sehen zu können, ist ehrlich gesagt, selten genug.
Du
bist aus einem Land gekommen, das eine sehr schöne Landschaft hat
und von drei Seiten mit
Meeren umgeben ist. Ihr habt durch das
Aufwachsen in einer schönen Landschaft die Natur und das Leben
kennengelernt. Durch dieses Zusammenleben habt ihr bis heute jene
schöne Landschaft in euren Herzen
bewahrt. Heutzutage kennen die
Menschen, die in diesen Industriestaaten, in diesen großen Städten
leben,
die Natur nur vom Fernsehbildschirm und von Filmen her.
Wir, die wir hier in dieser Industriegegend leben,
kennen weder
den Geschmack, noch das Leben in der Natur aber auch nicht die
Erbarmungslosigkeit
derselben; jedoch glaube ich, daß wir von
euch noch vieles lernen können. Ein Mensch, der die Natur
nicht
liebt, der sie mit all ihren Zuständen nicht kennt, kann
normalerweise auch die Menschen nicht lieben,
kann die
Menschlichkeit, ja sogar sich selbst auch nicht lieben. Wenn eines
Tages aus irgendeinem Grund
die Industrie nicht mehr funktioniert,
können wir, bis auf eine handvoll Menschen, aus der Natur
keinerlei Nutzen ziehen. Ja,. euch können wir in vieler Hinsicht
als gutes Beispiel nehmen.
Jede Gemeinschaft hat sicherlich
gebende und nehmende Seiten. Unsere Technik hat sich entwickelt.
Sie hat uns vor der Arbeitslosigkeit und dem Hunger bewahrt, das
ist eine schöne Sache.
Aber sie hat uns auch von der richtigen
Liebe, von Nachbarschaft, von Freundschaften und von
menschlichen
Beziehungen entfernt. Das ist schlecht. Ja, ihr, die ihr noch in
der Entwicklung befindliche
Länder seit, bewahrt noch eure
verwandtschaftlichen Beziehungen, eure menschliche Liebe und eure
Naturverbundenheit in einem großen Maße. Wenn eure Länder auch
die technische Kraft unserer
Länder besäßen, die Menschen
unserer Länder aber eure Ergebenheit, Liebe und diese ehrwürdige
Denkweise hätten, glaube mir, unsere Welt wäre schöner. Der
Mensch würde erst dann an seinem
Leben den richtigen Geschmack
finden.” Bei Hasan war kein Laut oder eine Bewunderung zu spüren.
Er sah nur auf das Gesicht des Meisters. Er merkte zum erstenmale,
daß der Meister ein freundliches
Freundesgesicht hatte, und daß
aus seinen Augen die Freundesbotschaft offensichtlich strahlte.
Zum ersten Mal sprach ein Inländer herzlich und ohne Vorurteil zu
ihm. Er freute sich darüber.
Als er auf das Gesicht des Meisters
blickte, sprach er mit sich selber: ”Als ich hierher kam,
suchte
ich Arbeit, ein geregeltes Leben und Freundschaft. Aber außer der
Arbeit habe ich nichts gefunden.
Wenn ich vielleicht als Kind
erfahren hätte, daß ich in ein Land, dessen Sprache ich nicht
kenne und
deren Sitten mir fremd sind, gehen würde um dort zu
arbeiten und unter diesem Volk mein ganzes
Leben noch vor mir hätte,
ich hätte es selbst nicht geglaubt. Jetzt bin ich in solch einem
Land. Ja,
jetzt bin ich bei euch! Warum sprechen nicht alle meine
Arbeitskollegen so mit mir, wie Du Dich
soeben mit mir unterhalten
hat. Jeder von ihnen sucht eine Gelegenheit, um mir für eine
Arbeit den
Befehl erteilen zu können oder mir seine eigene Arbeit
aufzuhalsen. Warum sehen diese Inländer in
uns ausländischen
Arbeitern nur eine Maschine oder ein Lastfahrzeug? Auch sie sind
hier Arbeiter,
arbeiten, um zu leben und das Brot zu verdienen.
Sie machen die Arbeit in der gleichen Fabrik, an
den gleichen Bändern
und Maschinen. Was soll dieser Individualismus, diese negativen
Verhaltensweisen?!
Mein Herz hingegen ist offen für alle
arbeitenden Menschen, in mir ist eine menschliche Wärme.
Auch ich
hätte sicherlich ein paar freundliche Worte zu sagen und für
manche hätte ich vielleicht einen
warmen Kuß. Eine Tasse
Freundschaftskaffee oder ein Glas Freundschaftstee hätte ich
anzubieten.
Die Technik dieses Landes zu verstehen, seine Sprache
und Sitten zu lernen, gibt mir das Gefühl von
Sicherheit und Glück.
Jedoch zwischen kalten Blicken, Vorurteilen und lästernden Gesprächen
zu leben,
bringt Trennung und Sehnsucht. Wenn ich die Wärme des
Bodens suche, auf dem ich geboren wurde,
fließt in mir ein
Schmerz. Ich bin eine Frage mit zwei Antworten.”
Als
ob der Meister seine Gefühle verstanden hätte sagte dieser:
”Ich beobachte Dich, seitdem
Du hier angefangen hast zu
arbeiten. Du machst jede Arbeit. Du denkst sicherlich ”diese
Arbeit muß
ein Mensch bestimmt machen, und daß ich diese Arbeit
mache ist ganz normal”. Du packst jede gegebene
Arbeit an, ohne
zu widersprechen. Du freust Dich darüber, daß Du eine Arbeit
hast, daß Du Deinen
Lebensunterhalt verdienst, ohne von irgend
jemandem abhängig zu sein und daß Du Deinen Verwandten
finanziell helfen kannst. Außerdem bist Du in die Natur verliebt,
Du füllst Dein Herz mit jenen schönen
Gefühlen, die in der
Sonne, in den Bäumen, bei den Vögeln, in den Rosen und in den
fließenden
Gewässern sind. Du freust Dich mit ihnen, das macht
Dich glücklich. Du schaust die Menschen immer
mit freundlichen,
lachenden Augen an. Ach wie schön wäre es, wenn jene
freundlichen Blicke bei jedem
Menschen zu finden wären. Was ist
es, was den Menschen zum MENSCHEN macht? Nach meiner
Meinung nach
muß ein Mensch fähig sein, Freundschaften aufzubauen, anderen
behilflich zu sein.
Als denkendes Wesen weiß er, daß es
gegenseitige Erwartungen und gegenseitige Verantwortung gibt.
Er
weiß, daß er sich danach zu richten hat. Er wird alles tun um
mitzuhelfen, sein Land aufzubauen und er
wird sich integrieren. Es
ist schlimm mein lieber Freund, daß jeden Tag diejenigen, die
dies nicht wissen,
diejenigen, die die menschliche Würde mit Füßen
treten, immer mehr werden. Die Menschen werden
unglücklich, wenn
sie sich von der Natur losreißen, wenn sie sich zwischen die
Betonbauten dieser großen
Städte niederlassen. Ihr
Individualismus vergeht. Sie kennen sich nicht mehr und laufen
voreinander weg.
Dann suchen sie in den Wörtern Zufriedenheit und
sie glauben, daß diese Zufriedenheit erst dadurch
erreicht wird,
daß sie wertvolle und teure Papiere und runde Kupfer- oder
Aluminiumstücke besitzen.
Sie sagen: ”Wenn es Geld gibt, wird
das Glück schon zu finden sein. Geld macht glücklich.” Um Geld
zu besitzen, machen sie Dummheiten, die uns nicht einmal in den
Sinn kommen würden. Sie wissen nicht,
daß es zu dem Glück nur
einen Weg gibt, und zwar alle Menschen und die ganze Natur zu
lieben, ihnen
zu dienen, sie der wahren Schönheit heranzubringen,
das macht den Menschen glücklich. Geld, Hab und
Gut, Haus und die
Umgebung sind nur Vorwände aber es sind nur kleine Hilfsmittel
zum wahren Glück.
Warum heiratet der Mensch nur eine Person? Weil
er sie bzw. sie ihn liebt. Warum arbeitet er mit vielen
Menschen
zusammen? Um sich gegenseitig die Arbeit zu erleichtern, um sich
gegenseitig zu helfen, sich
gegenseitig auszusprechen und um
gemeinsam die Welt zu verschönern um zu einem glücklichen und
fröhlichen
Leben zu kommen.”
Hasan
blickte in die Augen des alten Meisters mit noch lieblicheren
Augen. Sie erinnerten ihn an das blaue,
weiß schäumende saubere
Wasser des Mittelmeeres. Dann schluckte er und begann mit seiner
zweiten
Sprache , womit er nur halb und halb seine Probleme erläutern
konnte und von der er dachte, daß er sie
überhaupt nicht kann.
Er zeigte mit seinen Händen auf den Himmel. ”Schaut, diese
Sterne, dieser
volle Mond! Dieser blaue Himmel ist jeden Tag,
jeden Moment, jede Sekunde Zeuge von vielen
Geschehenissen. Sie hören
das Gelächter, das von vielen Schlössern aufsteigt, Musik und
Freudenrufe
aus vielen Gebäuden. Aber in Keller- und
Obergeschossen von vielen Schlössern und Gebäuden werden
sie
auch Zeugen von verzweifelten Schreiben, Stöhnen und Schmerz, von
Boshaftigkeiten, von Dingen,
die ein Mensch dem anderen Menschen
antut, Dinge, die nicht einmal ein gefährliches Tier tun würde.
Ich weiß nicht, ob sie mit ihnen Tränen vergießen und ob sie
trauern oder ob sie all den Schmerz,
die Verrücktheiten als
Zeugen aufnehmen und in ihrem Inneren verbergen.
Angeblich
ist in dieser Welt mit ihren Gesetzes Grausamkeit und Beleidigung
verboten. Es wurden die
Menschenrechte verkündet, aber wenn dem
so ist, was sollen die Auseinandersetzungen in unserer Welt?
Weswegen werden soviele schreckliche Waffen hergestellt? Warum
wird aus den von unseren Händen
erschaffenen Flugzeugen
geschossen und tausende und abertausende Kinder, Frauen, Menschen
getötet?
Warum dauern in den verschiedenen Teilen unserer Erde
die Kriege an?
Nach
meiner Meinung gibt es dafür nur eine Erklärung. Die Menscheit,
der einzelne Mensch gibt sich in
seinem Inneren keine Rechenschaft
über das was er tut, er kennt außer seiner eigenen Person
niemanden.
Seht
doch, wie schnell hat die Nation der Menschen, die auf die Häuserwände
”Ausländer raus” schreiben,
die uns alleine lassen, die uns
ablehnen, ja sogar bedrohen vergessen, daß sie vor fast 50
Jahren, also
vor einem halben Jahrhundert Krieg, Armut, Hunger,
Vertreibung und Emigration selber erlebt haben.
Wir jedoch haben in unseren schlimmen Tagen die Kinder
dieses Volkes, das verantwortlich für den
letzten schrecklichen
Krieg und die Unterdrückung
vieler Völker war, in unser
Herz
geschlossen. Die Mehrheit unserer Landsleute hat geglaubt, daß
die Menschen, die in diesem Land
leben, auch uns in ihr Herz
schließen würden und sind deshalb hierher gekommen. Bei uns sagt
man
”Eine Tasse Kaffee bleibt vierzig jahre in Erinnerung”.
Außerdem fallen wir hier
niemanden zu Last,
im Gegenteil, daß dieses Volk sich finanziell
so gut entwickelt hat und auf diesen hohen Lebensstandard
gekommen
ist, hat auch unsere Kraft und unseren Schweiß gekostet. Als wir
auf dem Boden lebten,
wo wir geboren wurden, hatten wir geglaubt,
daß in einem Industrieland, das auf technischem Gebiet
unglaubliche Fortschritte gemacht hat, die Menschen größere
Perspektiven haben müßten, daß sie
toleranter und
menschenfreundlicher sein müßten. Wir hatten doch niemals vor,
die Herzen der Menschen
in diesem Land zu überwältigen. So darf
es auch niemals sein. Wir sind nicht die Spitze des Eisberges,
wenn diese Gesellschaft in Schwierigkeiten kommt, ganz im
Gegenteil, wir wollen doch, daß in dieser
Gesellschaft alle
Menschen ein besseres Leben erreichen.”
Der
alte Meister stützte sich mit einer Hand
schwer auf seine Krücke, seine andere Hand bewegte er
auf
seinen Mund zu. Er machte ein Zeichen, als ob er sagen wollte:
”Hör auf, spricht nicht von den
negativen Seiten!”. Danach
sah er eine weile in die Sterne, so alsob er sie umarmen, küssen
wollte.
Mit
weicher Stimme fragte er: ”Sind die Ausländer hierher
gekommen?” Dann antwortete er zu sich selbst
und brachte dabei
die Hand auf seine Stirn, rieb sich die Altersfalten, als ob er in
Ihnen die Vergangenheit
suchte: ”Ja, unsere Arbeitskollegen aus
den fremden Ländern haben einen sehr großen Anteil daran,
daß
unser Land sich so schnell entwickelt und die soziale Sicherheit
erreicht werden konnte. Ich habe
nie vergessen, daß wir eine in
Wasser gekochte Kartoffel zu fünf Mann zum Abendessen gegessen
haben.
Ich kann es nie vergessen. Vielleicht bin ich deshalb erst
Vorarbeiter und dann Meister geworden, weil
Sie und ihre
Landsleute hier bei uns arbeiten. Deshalb ist diese Fabrik so groß
geworden. Als ich hier
anfing zu arbeiten, war es nur eine winzige
Baracke. Wir hatten nur eine Maschine, die noch mit einer
Kurbel
und Kette angetrieben wurde. Schau, jetzt arbeiten hier 3.600
Menschen. Es ist eine sehr schöne
Sache, diesen Erfolg zu
erreichen, Ansehen zu haben, Menschen Arbeit zu geben und, wie
nach dem
Kriege, keine arbeitslosen und hungrigen Mensche zu
sehen.
Außerdem
ist in uns das Interesse geweckt worden, in fremde Länder zu
reisen um dort das Land und
die Menschen kennenzulernen, aus denen
unsere ausländischen Arbeitskollegen kommen. Ich bin nach
Spanien, Italien, Frankreich und in die Türkei in Urlaub gefahren
und ich bin sicherlich auch deshalb
gefahren, weil ich von meinen
ausländischen Arbeitskollegen beeindruckt war. In einem Menschen
erwacht der Wunsch, auch die Länder seiner Arbeitskollegen einmal
zu sehen. Das erst
Italien,
dann Spanien und heute die Türkei das Urlaubsland der
Deutschen ist liegt sicherlich auch daran,
daß sie neugierig auf
die Heimatländer ihrer ausländischen Kollegen waren.
Ihre
größte Aufgabe daran, daß Ihre Länder wirklich berühmt
wurden, waren Geldgeber und Propagandist
zu sein und Sicherheit zu
vermitteln. In Ihren Ländern haben einige durch ihre städtischen
Beziehungen
die günstigen Gelegenheiten zu nutzen verstanden und
damit ihre eigenen Kassen gefüllt. Aber das ist
auf vielen
Gebieten unserer Welt so.
Was
wichtig ist, ist diese Gesellschaften aus der Nähe kennenzulernen
und gegenseitig Kulturaustausch
zu betreiben, dann baut das
Vorurteile ab.
Ich
bin in diese Länder gereist. Als ich aber in Anatolien jene
Meere, jene vor Jahrhunderten erbauten
Karavanenschlösser, die
Burgplätze, Burgen, Kirchen, Moscheen, die vielen vielen Zeugen
der
Zeitgeschichte gesehen habe, als ich in jene schönen
Gesichter immer noch die menschliche Liebe,
die Freundschaft, die
Gastfreundlichkeit, die Hoachachtung vor einander und das
Vorhandensein von
lächelnden Augen gesehen habe, da habe ich mit
meinen eigenen Augen erfahren, daß die Erdoberfläche
voll ist
mit unbekannten, mit unendlichen reichen Kulturen. Ich habe es
verstanden. Um die Wahrheit zu
sagen, sowohl die Türken als auch
die Griechen und Spanier, sie alle sind liebe, gastfreundliche und
fleißige Menschen. Sie ähneln sich in vielen Dingen. Sie haben
eine uralte, gemeinsame Kultur, die die
gemeinsame Mittelmeerschönheit
und das Mittelmeerklima ihnen gibt, auch wenn sie voneinander
nicht
viel wissen, weil sie so weit voneinander entfernt sind.
Jene schönen lächelnde Gesichter, jene liebenswerte
Haut wurden
wahrscheinlich von der Sonne erschaffen. Genauso wie sie jenes
Obst und Gemüse wachsen
läßt, von deren Geschmack man nie genug
bekommt. Auch die schöne Unterhaltung der Menschen
beeindruckt
mich tief. Wenn sie reden, mögen sie es nicht sehr nur von sich
zu sprechen. Sie erzählen
immer von ihrer Gegen. Jeder einzelne
von ihnen ist ein Nasreddin-Hoca.
In
Wirklichkeit habt ihr dadurch, daß ihr in unsere Länder gekommen
seid, in erster Linie uns aber auch
euch einen großen Gefallen
getan.”
Hasan
lächelte, als ob sein Lächeln sich auf den Mond auswirkte, so daß
der Mond noch heller erstrahlte.
”Ja, ja, das griechische Volk
ähnelt uns sehr und wir ihnen. Der Volkstanz und der
Gemeinschaftstanz,
ja sogar unser Essen. Wir sagen "Döner
Kebap" und sie sagen "Gyros". Bei uns ist es "Raki"
bei ihnen
wird es "Uzo" genannt, beides besteht aus
Anis. Unsere Unterhaltung, unser Charakter, unsere Gefühle,
wie
sind je eine Hälfte eines ganzen Apfels. Und genauso jene
brennenden Stimmen, wie Flötenklänge.
”Ihr
liebt also jenes Volk, das euer Nachbar ist. Wie schön, nicht
wahr? Außerdem geht nichts über
die Gastfreundschaft der
Mittelmeervölker. Jeder vernünftige Mensch, der ihnen begegnet
ist verwundert
darüber, wie innig diese Völker den Gästen
dienen und welche Hochachtung sie vor der Menschheit haben.
In
seinem Inneren kann er nicht anders, als ihnen Hochachtung und
Liebe entgegenzubringen.
Auch
ich liebe das griechische Volk. Nur die Griechen? Nein,
nein. Auch Albanier, Italiener, Portugiesen
und Spanier liebe ich.
Als ich ein kleines Kind war, hörte ich von zu Hause und in der
Schule Witze über
die Griechen. Auch über die deutschen Nazis.
Wie es üblich ist, war ich wie jedes Kind, wie jeder Mensch
von
ihnen beeindruckt. Das Gegenteil zu sagen, wäre nicht richtig
gewesen. Als ich das erste Mal hierher kam,
hatte man mich in ein
Arbeitsheim untergebracht. Meine dortigen Freunde waren Griechen.
Als ich deren mir
gezeigte Hochachtung, Nähe, die Mühe keinerlei
Hilfe zu versagen, gesehen habe, glaub mir, ich habe mich
sogar
geschämt, jene Witze gehört zu haben. Ich habe mich so sehr für
jene Witze geschämt, daß ich versuchte, sie zu vergessen.
Besonders die Elena auf meiner ersten Arbeitsstelle war wie meine
große Schwester. Ihre Körpergröße, ihr Gang, ihr Lachen,
ihr
Haar! Sie lächelte in jeder Situation, meine große Schwester.
Ich liebte auch meine Schwester, ich liebte
auch sie. Nicht, daß
sie mich falsch verstehen, natürlich als ein Mensch, als
Geschwister liebte ich beide sehr.
Ich würde für beide, wenn es
nötig wäre, mein Leben geben. Ja, und seitdem ich jene
griechischen Freunde
kennen gelernt habe, mag ich nicht einmal das
Wort "Krieg", das Wort ”Waffe”.
Ich
habe Angst, wenn es heißt, im Mittelmeer landen Kriegsschiffe
oder Kriegsflugzeuge. Ich fürchte mich,
daß unsere schöne
Kameradschaft, Freundschaft mit einer Tasse kaltem Wasser begossen
wird, das sie
zugrunde geht und daß wir voneinander entfernt
werden. Das heißt, wenn die Menschen zusammen leben,
wenn sie die
Mühe aufbringen um Freunde zu werden, je mehr sie sich
gegenseitig achten, dann wird
Freundschaft aufgebaut und die Liebe
wird auf dieser Grundlage geschaffen, sie entwickelt sich. Sie würde
sich bestimmt entwickeln, wenn es diese Waffen produzierenden
Kartelle nicht gäbe. Dann würden sich
auf unserer Welt die
Freundschaften und die Liebe sehr schnell unter den Völkern
ausbreiten. Erst dann
kann die zukünftige Generation mit noch
weniger Angst vor drohenden Kriegen ein noch schöneres Leben
erreichen. Ich habe ständig Angst, daß unsere Welt das Opfer
eines Krieges wird. Solange es den Wettlauf
gibt, in der Aufrüstung
der Sieger sein wird, werde ich diese Angst schwer verlieren.
Vielleicht wird sich
jedoch mittels Arbeitskraft die Freundschaft
unter den Völkern ausbreiten, wird die Zukunft vielleicht auch
unsere Welt, auf der wir leben, noch schöner werden. Vielleicht
trage ich diese Angst umsonst mit mir herum.
Aber
sind diese bewaffneten Auseinandersetzungen in Afghanistan, Iran,
Irak, Israel, Peru, Chile, Sri Lanka,
Lybien, Südafrika,
Latein-Amerika usw. usw. nicht genug Flammen, um unsere Welt in
Brand zu setzen?
Und was soll man dazu sagen, daß die 6. Flotte
der Vereinigten Staaten von Amerika alle Weltmeere bereist
und im
Mittelmeer landet und vor den Augen der ganzen Welt Bomben auf
Lybien regnen läßt?
Wie
furchtbar ist es, auch nur daran zu denken. Sollten wir
stattdessen nicht über den Frieden und die Liebe
sprechen und
versuchen, sie auszubreiten? Wäre die Welt und das Leben auf
dieser Erde nicht viel viel
schöner, wenn wir alle Kinder auf der
Welt so lieben würden, wie ich meinen Sohn liebe! Wenn wir alle
Frauen der Welt so lieben würden, wie ich die Griechin Elena
liebe! Wenn wir allen alten Müttern und
Vätern Hochachtung
entgegenbringen würden! Wenn es nur getan würde! Würden dann
diese Sterne auf
unserer Welt nicht noch strahlendere Lichter
schicken?” Nachdem Hasan dies gesagt hatte, rieß seine
Stimme
plötzlich ab. ”Nein, nein mein Meister, den Menschen darf man
nicht so sehr vertrauen. Schau,
wie allein ich bin! Letztens hat
Herr Beumer wissentlich den Farbbottich auf mich gefahren. Es hat
nur
wenig gefehlt, daß ich in den Farbtank gefallen wäre. Um ein
Haar bin ich dem grausamen Tod entronnen.
Dann habe ich mit meinen
eigenen Ohren gehört, wie er es einem Freund erzählte:
”Fast
hätte es in unserem Land einen Ausländer weniger gegeben. Aber
es ging schief. Er hatte Glück
und wurde gerettet. Wenn ein
Deutscher einen Ausländer umbringt, kommt er zu Jesus in den
Himmel.
Darum werde ich nach jeder Gelegenheit dazu Ausschau
halten” sagte er.
Glaube
mir, ich habe mich nicht gewundert, ich wurde auch nicht wütend,
aber ich habe mich sehr geschämt,
nicht meinetwegen sondern
seinetwegen und für das gesamte ausländische Volk habe ich mich
geschämt.
Wenn der Mensch Zeuge solch schlecht gemeinten Redens
wird, verliert er sogar sein Vertrauen. Genau
wie nicht alle
Mensche ein gutes Herz haben, sind auch nicht alle schlecht oder
haben hinterlistige Gedanken.
Von einem Baum kann man Holz sowohl
für Möbel als auch zum Verbrennen erzielen. Dieser Satz ist
sicherlich nicht umsonst gesagt.”
Der
alte Meister begann, ohne es zu merken, den hohen Lebensstandard
seines Volkes zu verteidigen.
Es wird nicht umsonst gesagt, daß
das sehr wichtig ist, was der Mensch bis zum neunten Lebensjahr
lernt.
Wenn er dann eine noch so gute Erziehung erhält, die
Spuren seiner Erziehung aus den jungen Jahren treten
hier und da
zu Tage.
Paul,
der gemerkt hatte, daß Hasan lange draußen geblieben und nicht
zurückgekommen ist, stoppte die
Maschine. Als er sah, daß er
draußen mit dem Meister in ein Gespräch vertieft war, näherte
er sich leise,
mischte sich jedoch nicht in die Unterhaltung ein,
hörte aber mit großem Interesse zu. Die folgenden Worte
des
alten Meisters kreisten ständig die ganze Nacht in seinem Kopf
herum:
”Jeder
Mensch kann manchmal einen Fehler machen. Auch ein sehr guter
Mensch kann sich manchmal
noch so falsch verhalten. Er kann auch
mit seinem Leben spielen. Dann bereut er es, aber es ist zu spät.
Jene Fehler zu verbessern ist dann oft unmöglich. Aber die
Mehrheit unseres Volkes ist gut. Und seitdem
unsere Menschen
angefangen haben, öfter in anderen Ländern Urlaub zu machen,
sind sie toleranter und
einsichtiger geworden. Man darf von solch
einem negativen Verhalten nicht beeinflußt werden. Man findet
es
in jeder Gesellschaft, Ihr Gastarbeiter solltet solche negativen
Sachen nicht zu ernst nehmen. Ihr dürft
nicht das ganze Volk als
ausländerfeindlich, konservativ und nationalistisch sehen. Ihr
Gastarbeiter und
besonders ihr aus den Mittelmeerländern seid
sehr empfindlich und verwundbar. Und Eure Verwundbarkeit
fördert
ein wenig die Antipathie gegen unsere einheimische Bevölkerung.”
Diese
Worte beunruhigten Paul tagelang. Er überlegte, ob er jemandem
jemals verzeihen würde, der einen
Farbbottich absichtlich auf ihn
zugefahren hätte. Der alte Meister begann in der Kälte zu
zittern:
”Ich
habe Dich von der Arbeit abgehalten. Wir haben lange gesprochen,
aber manchesmal sind solche
Unterhaltungen auch notwendig. Aber
die da oben drängen uns. Wir finden nie Zeit. Außerdem sind wir
viel zu lange draußen geblieben, wir werden uns erkälten.
Ehrlich gesagt, ich kann die Kälte nicht sehr
lange aushalten.”
Als
der Paul sah, lachte er:
”Ich
glaube, die Arbeitsplatzversammlungen werden wir unter den Sternen
bei frischer Luft abhalten”,
sagte er.
Paul
lachte:
”Wie
schön wäre es Meister, wenn es diese Kälte nicht gäbe. Du weißt,
wir Deutschen sind kein Volk ,
das gegen Kälte sehr abgehärtet
ist. Wenn wir bloß öfter solche Unterhaltungen führen könnten.
Wenn
solch schöne Gespräche auch bei trockener Nachtkälte
gehalten würden, erwärmt das innerlich den
Menschen. Ist es
vielleicht Glück, wenn Menschen solch eine innere Wärme
empfinden?
Hasan
schaute lächelnd zu Paul.
”Ja
Onkel Paul, solche warmen Empfindungen, freundlichen Annäherungen
geben Gelegenheit, daß
Menschen einander näher kommen und sich
kennenlernen. Sie schaffen die Gelegenheit, daß man sich
mit
anderen Augen anschaut. Und das Wichtigste ist, wenn solche
Unterhaltungen auch noch in den
Armen der Natur stattfinden, denn
so kann sie uns manchmal zwingen, in einer anderen Weise zu
denken,
als wir es gewohnt sind. Sie kann bewirken, daß
Vorurteile schnell verfliegen.”
Hasan
hat auf seinem Arbeitsplatz die ganze Nacht überlegt, was diese
schöne Nacht erbracht hat. Zu
Hause angekommen, legte er sich
sofort ins Bett. Aber er konnte einfach nicht einschlafen. Heute
war
sein Bett sogar warm. In seinem Bett fühlte er sich bequem
und ausgeruht.
Warum
vertiefen wir Ausländer und Deutsche nicht unsere
freundschaftlichen Beziehungen? Wir arbeiten
zusammen, wir
schaffen zusammen. Größtenteils wohnen wir gemeinsam in den Häusern
unserer
Arbeitgeber, wir sind sogar Nachbarn. Warum bleiben wir
uns dann so fremd? Von jeden negativen
oder positiven Auswirkungen
der Gesellschaft und des Arbeitsplatzes werden wir alle berührt.
Wenn es
dann so ist, warum brechen wir in- und ausländischen
Arbeitnehmer nicht gemeinsam auf, warum geben
wir uns nicht
gemeinsam die Hand?” Er fand auf seine Fragen keine Antwort.
”Liegt diese Entfremdung
etwa am hohen Bierkonsum der Inländer
oder erfreuen sie sich lieber am Fernsehen und mögen sich
mit
Menschen nicht gerne unterhalten? Alle Programme, die im Fernsehen
laufen, interessieren sie.
Sind sie etwa eine Art Fernsehhäftlinge
geworden? Dies alles kann nicht sein, denn die gleichen
Fernsehgeräte
sind auch in den Häusern der ausländischen Arbeiter. Warum
entwickeln sich dann
unsere Freundschaftsbeziehungen nicht auf der
erwünschten Stufe? Müssen wir in einem Ghetto leben?
Es muß
wohl so sein. Ich schaue mich um, und sehe keinen meiner inländischen
Arbeitskollegen
regelmäßig Tageszeitungen lesen. Es heißt, daß
es bei den inländischenArbeitern größtenteils den Wunsch
zu
lesen gibt. Aber den ganzenTag die schwere Arbeit in den Fabriken
und zu Hause gibt es auf
mindestens 6 Kanälen Fernsehprogramme.
Dann ist keine Zeit mehr, visuelle Medien zu lesen.
Wir
Auswanderer haben uns größtenteils das Lesen zur Angewohnheit
gemacht. Und hier sehen wir uns
selbst nicht als seßhaft. Wir
sind jeder Zeit bereit auszuwandern und deshalb leben wir nicht
wie die
Einheimischen, wir konsumieren auch nicht wie sie. Seit
Jahren sind wir weder von hier, noch sind wir ein
Teil dieses
Landes, der Gesellschaft, von der wir aufgebrochen und hierher
gekommen sind. Wir leben
nicht wie die Menschen beider Länder,
und aus diesem Grund können wir uns weder im täglichen Leben,
noch in einem Beruf, im Lesen noch im Verbünden ihnen anpassen.
Deshalb bilden wir zwischen zwei
Gesellschaften eine
Zwischenschicht.” Als er über all das nachdachte, drehte er
sich im Bett ohne Unterlaß
von einer Seite auf die andere. Er war
über seine Situation sowohl wütend als auch verwundert. Er stand
auf und wollte mit lauwarmem Wasser duschen. Als er ins Bad ging,
öffnete er das Fenster und sah, daß
draußen die Sonne schon
eine ganze Weile aufgegangen war. Murrend sagte er: ”Ich muß
ein bischen
hirnlos sein. Warum lasse ich mich auf solche Fragen
ein? Das ist meine schlechte Angewohnheit,
jedesmal wenn über die
Freundschaft und Liebe zwischen den Ländern und Völkern
gesprochen wird,
hänge ich meine Sinne daran und denke und überlege
so stundenlang, tagelang.”
Als
er unter das kalte Wasser stieg, war er als ob neu vom Schlaf
erwacht. Dieses Mal sagte er mit hoher
Stimme: ”Ich tue mir
Unrecht an, damit ich mir böse bin. Hatte nicht der große
Philosoph Hegel gesagt
”Was ich nicht erreiche, erreicht die
Kunst!” Sodann leben wir in einem Land, wo die Kunst so sehr
entwickelt ist, wo die Technik so große Fortschritte macht. Den
Zustand, den wir nicht erreichen, werden
unsere Kinder erreichen.
Die Freundschaften, die wir nicht sichern und entwickeln konnten,
werden unsere
Kinder machen; sie werden schon den vollendeten
Zustand der Menschlichkeit erreichen. Und wenn es
so ist, ist auch
das Denken gut. Über gute Sachen nachzudenken, macht Menschen glücklich,
entfernt ihn
von der Einsamkeit. Außerdem führt doch der Weg des
Glücklichwerdens dahin, über andere nachzudenken,
andere zu
lieben...
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