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Welche Arbeit ist für Ausländern?
Ich war im Jahresurlaub, als Bernd
Vorarbeiter der zweiten Abteilung wurde. Ich ging hin, um ihm zu
gratulieren. Als ich zu ihm ins Büro kam, schaute er gerade aus
dem Fenster, zu den Arbeitern hinüber, die im Abfüllflur
arbeiteten.
Er muß wohl richtig in diesen
Anblick vertieft gewesen sein, denn er merkte nicht, als ich
reinkam. Ich stellte mich zu ihm und sah auch einige Minuten den
arbeitenden Kollegen zu, dann faßte ich leicht auf seine Schulter
und sagte:
"Was ist los, Kollege, du bist
wohl heute gar nicht hier?"
Es war, als erwachte er aus einem
Schlaf; er richtete sich auf und sagte:
"Oh, wann bist du
gekommen?" und schüttelte freundlich meine Hand. Wir setzten
uns und ich überreichte ihm zwei Schachteln Zigaretten, die ich
ihm aus der Türkei mitgebracht hatte.
Als ich "Ein kleines Geschenk,
aber von Herzen" safte, lächelte er, drehte die
Zigarettenschachteln ein paarmal zwischen den Fingern und roch
daran.
Er schüttelte seinen Kopf.
"Sie haben einen schönen Geruch", murmelte er. Dann
warf er sie in die Kasse und sagte:
"Wie gut, Freund, da§ du
gekommen bist, mir ist heute sehr langweilig."
Ich schaute ihn fragend an. Er
runzelte die Stirn.
"Schau dir den Peter an",
sagte er.
Soll ich ihn "Ochse",
oder, wie die Deutschen so schön sagen, "Schwein"
nennen? Er macht mich wahnsinnig. Schau dir den Mann an:
”Während der Arbeit läuft er
durch die Gegend. Er macht keine Arbeit, vor allem an den Spül-
und Wascharbeiten beteiligt er sich gar nicht. - Weil das
Waschmittel stinkt... Rate mal, was er zu mir sagt;” er sagt:
"Sind denn nicht die Ausländer
für die schweren dreckigen Arbeiten da? Mit solchen Ansichten,
wie sie dieser Mensch hat, kšnntest du mit ihm in Frieden
arbeiten?"
Ich sah Bernd ins Gesicht, er war
rot geworden und den Tränen nahe.
"Wie hast du geantwortet? Was für
ein Verhältnis haben die Kollegen, die schon lange mit ihm
zusammenarbeiten, zu ihm? Haben sie nicht
versucht, mit ihm einen freundschaftlichen Kontakt
aufzubauen? Oder haben sie es nicht geschafft?"
Ich habe einige Male mit ihm
geredet, "Schau, Freund, du, ich und die, die du Ausländer
nennst, sind hier Arbeiter. Du bekommst den höchsten Lohn von uns
allen. Der Spanier Antonio, der Italiener Roso oder der Portugiese
Juan machen ihre Arbeit immer ordentlich und fehlerlos. Du putzt
nicht einmal die Farbe weg, die du verschüttet hast. Immer läßt
du deine Kollegen die Arbeit machen.
Heute hast du mit Pumpe und Filter
gearbeitet, wenn du fertig bist, solltest du die Sachen selbst spülen
und putzen", sagte ich.
"Weißt du, wie die Anwort war?
Was haben Ausländer hier verloren,
wenn wir die dreckigen und stinkenden Arbeiten selbst machen müssen?
Das stieg mir zu Kopf.
"Ich werde dabei stehen und du
machst es", habe ich gesagt, ich mšchte keine
Widerrede."
”Da mußte er es natürlich
machen. Er hat in genau fünf Stunden eine Pumpe gewaschen! Sag
du, in wieviel Minuten kann man eine Pumpe waschen?
Der Mann steht immer an der Abfüllmaschine,
er hat kein einziges Mal ein Paket fertig gemacht. Ich meine, er
hat nie die kleinen Dosen auf den Wagen geladen. Wie du weißt,
wechseln wir pro Wagen unseren Platz."
Ich war ungeduldig und fragte
weiter:
"Woher hat er eine solche
Einstellung?"
Nachdem Bernd auf das Blatt Papier,
das vor ihm lag, ein Durcheinander gezeichnet hatte, schaute er zu
mir rüber und antwortetete:
"Mit welcher Einstellung soll
er schon handeln, er sieht die ausländischen Arbeiter als Sklaven
und sich selbst als Herrn der Sklaven. Die deutschen Arbeiter hält
er für zurückgebliebene, dumme Menschen und sich selbst für
sehr klug. Dadurch wird er sich wohl das Recht nehmen, andere
herum zu kommandieren."
Ich sagte:
" Erzähl doch, was wir unter
seiner Hand zu leiden haben."
Bernd sprang auf und sagte:
"Schau Kollege, dieser Mann
arbeitet seit elf Jahren hier. Wie konnten nur die Vorarbeiter,
Meister und Obermeister wegschauen, während er sich so benimmt?
Ich möchte es mir nicht einmal
durch den Kopf gehen lassen, ob sie es mit Absicht zugelassen
haben? Wie soll ich es sonst bezeichnen?
Nur weil diese Menschen keine
deutschen Staatsangehörigen sind, müssen sie sich diese
unmenschliche Behandlung gefallen lassen? Wie können sich die
Menschen heute so etwas bieten lassen?
”Wenn bei der Einstellung noch in
der heutigen Zeit Wert auf Farbe und Nationalität gelegt wird,
was ist dann der Unterschied zum Mittelalter? Warum verachten wir
das Mittelalter dann? Ja, leider tragen wir noch heute im 20.
Jahrhundert die Gedanken und Gewohnheiten des Mittelalters in uns.
Unter der Maske der Moderne haben
wir immer regelmäßig Nationalismus, Folter und Ausbeutung durch
moderene Maschinen weitergeführt. Die Gedanken und Gesetze des
Mittelalters sind teilwiese öffentlich, teilweise im Geheimen,
weitergelebt worden. Wir sehen, daß das noch lebendig ist, in der
Gesellschaft, in der wir leben und auch bei dieser Arbeit. Wenn
man es beobachtet, ist es möglich, alle diese Formen zu
sehen."
Während ich dies erzählte, ging
Bernd wieder zum Tisch. Er öffnete eine Zigarettenschachtel und
nahm eine Zigarette heraus. Er roch daran und nahm sie zwischen
seine Lippen. Dann goß er mir und sich selbst eine Tasse Kaffee
ein, er zog den Kaffeegeruch ein.
"Was du sagst, ist richtig, ich
stimme dir voll zu. Wenn man diesen Duft von frischem Kaffee
einzieht, spürt man, daß man ein gesundes Geruchs- und
Geschmackssystem hat. In diesem System, bei der Arbeit und im täglichen
Leben kann der, der beobachtet, Verstand hat und nicht blind ist,
sehen und spüren, wie Rassismus, Unterdrückung, ungerechte
Arbeits- und Lohnverteilung herrschen; wie Menschen andere
Menschen auf unglaubliche Art ausnutzen.
Auch ich hatte vorher den ausländischen
Kollegen, vor allem dir gegenüber, viele Vorurteile. Weil du oft
gesagt hast, daß man in dieser Gesellschaft immer noch die
nationalistischen und reaktionären Gedanken aus der Zeit vor dem
Zweiten Weltkrieg in aller öffentlichkeit antreffen kann; ebenso
wie die, die zur Hitlerzeit verbreitet und den Menschen
eingetrichtert worden sind.
Über dieses Thema hinaus hast du
uns ganz oft Zeitungsabschnitte mitgebracht;
im Betrieb hast du einige Verhältnisse
als nationalästische beyeichnet; das hat
früher bei mir einem wiederstand
hervorgerufen.
Als ich Dich mit der Zeit
kennenlernte, dachte äch die sache an sich stimmt, aber da ich
noch Vorurteile hatte, glaubte ich, die Zeitungen und du machten
aus einer Mücke einen Elefanten. Aber da ich unsere Kontakt nicht
kaputt machen wollte, habe ich das nicht gesagt.
Danach habe ich langsam selbst die
ganze Wahrheit gesehen. Ich dachte darüber nach und habe mich in
eure Lage versetzt. In die Lage der Menschen, die unter Druck die
dreckigen und schweren Arbeiten machen. Da habe ich gemerkt, daß
ihr nicht übertrieben, sondern die Wahrheit gesagt habt."
Bernd war mit dem Reden noch nicht
fertig. Ich habe gemerkt, daß er sich - psychologisch - die
Schuld gibt.
Peter kam herein und ging zum Werkszeugschrank. Er durchsuchte
die Siebtüten. Als er reinkam, hatte Bernd das Thema gewechselt
und angefangen, mich über den Urlaub auszufragen. Peter tat 15
Minuten lang so, als wenn er ein Sieb suchen würde. Ich glaube,
Bernds Geduld war am Ende, als er ihn fragte, was er suchte.
"Ich? Nichts, ich habe nur ein
Sieb Nr. 10 gesucht. Aber es ist alles durchein- ander, ich konnte
es nicht finden," antwortete er.
Bernd stellte die Tasse Kaffee, die
er in der Hand hatte, auf den Tsich. Er stand auf und schlug mit
der Faust auf den Tisch. Er schaute ihm in die Augen, als wenn er
sagen wollte:
"Du brauchst nicht so viel Zeit
zu vertrödeln und zum Schluß auch noch zu lügen."
Peter nahm das Sieb und verlies
leise das Büro. Bernd dreht sich zu mir:
"Dieser Mann ist unser berühmter
Peter."
"Also, Bernd, eure Meister,
Obermeister und Abteilungsleiter wissen, daß diese Menschen ihre
Arbeit auf den Rücken ihrer ausländischen Arbeitskollegen
laden?" fragte ich.
Er zögerte kurz, aber dann sagte
er:
" Ich habe nicht mit ihnen
geredet. Weißt du, ich bin neu hier. Aber der Mann arbeitet sie
ca. elf Jahren hier, sie müßten es wissen. Es ist nicht möglich,
das zu übersehen. Ich bin entschlossen,nicht mit ihnen über
dieses Problem zu reden; ich werde versuchen, es selbst zu lösen.
Ich mag die Leute nicht, die ihre Kollegen beim Arbeitgeber
verpetzen. Ein Spitzel und jemand, der seine Kollegen verkauft -
das sind für mich schlechte Menschen. Ich werde ihm, und es gibt
noch einige mehr, zeigen, daß sie nicht anders sind als ihre
Kollegen, auch wenn ich mit ihnen kämpfen muß."
Ich klopfte lachend auf seine
Schulter und sagte:
"Bravo Bernd, aus dir wird ein
guter Arbeiter, später vielleicht auch ein Vertreter im
Betriebsrat."
"Ich habe zuerst probeweise
hier gearbeitet. In der ersten Woche beim abend- essen kam Peter,
setzte sich mir gegenüber hin und lächelte. Er kam zu mir und
sagte:
"Laß uns ein Armdrücken
machen, Chef."
Ich merkte, was er vorhatte, als er
seine Muskeln anspannte und dreckig lachte.
Du wirst fragen, was sein Plan war,
er wollte mich besiegen. Wenn er mich mit seiner Kraft besiegt hätte,
hätte er etwas gehabt, womit er mich verspotten kšnnte. Er hätte
es den Kollegen erzählt und
ich hätte unter ihnen nichts mehr zu sagen gehabt. Letzten
Endes hätte ich diese Arbeitsstelle verlassen müssen. Er wollte
mich verjagen und dann selbst Vorarbeiter werden. Er hat zu einem
spanischen Arbeiter gesagt:
"Ich werde hier Vorarbeiter,
dann werde ich es euch zeigen."
Vor mir gab es hier einen Kollegen,
den sie verjagt haben. Als sie dachten, sie hätten den Platz für
sich, bin ich gekommen. Die Wünsche der Männer gingen nicht in
Erfüllung. Ich wollte sowieso einen Weg finden, um ihn ruhig zu
stellen. Er war ziemlich sauer, als er verloren hatte. Wenn er möchte,
soll er ruhig noch etwas probieren und seine Lehren daraus ziehen.
Entweder wird er dann ein Mensch, oder er geht in eine andere
Abteilung."
"Bravo Bernd, von einem guten
Arbeiter kann man so etwas erwarten. Daß du deine Kollegen schützt
und sie nicht beim Arbeitgeber verpetzt, ist gut.
Also gibt es doch noch einige
Kollegen bei uns, die Menschemehr und den menschlichen Kern
achten. Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich dasselbe tun.
Man muß es dem anderen Kollegen
ganz deutlich erklären; er ist auch ein Arbeiter, jeder soll
seine Arbeit machen. Niemand soll auf ihn hören und von ihm
Befehle bekommen; danach, denke ich, wird er von der Einbildung,
durch seine Nationalität ein großer Mann zu sein, befreit
sein."
Bernd lachte und sagte:
"Diese ganze Gesellschaft soll
sich von ihrer "Höhere-Rasse-Psychologie" befreien, wir
sollen uns vom Nationalismus befreien, aber ich weiß nicht,
wie...
Die Weinachtsfeier
An diesem Tag merkt man Cetin, der
schon seit Jahren in dieser Firma arbeitet, eine Veränderung an.
An seiner Stimme, seinem Ton und an seinem Verhalten merkt man
sofort, daß etwas Außergewöhnliches ihn bewegt. An diesem
Morgen sieht er richtig nachdenklich aus. Auch seine Reden sind
hart, aber auch eindrucksvoll.
Er wirft seiner Umgebung nur kurze
Blicke zu, macht seine Arbeit. Er möchte seinen Kopf nicht heben
und mit jemanden reden. Gewöhnlich werden bei dieser Arbeit die
ungelernten und ausländischen Arbeiter beschimpft, indem Wörter
benutzt werden, die diese verletzen. Es kommt hinzu, daß nicht
nur nötige, sondern auch unnötige Befehle gegeben werden. Er läßt
sich jedoch durch solche Behandlungen nicht stören. Die
Fragen seines Gegenübers beantwortet er klar und ruhig,
oder schaut ihn lächelnd in die Augen. Mit diesem Lächeln will
er seinen Arbeitskollegen sagen:
”Daß ihre Handlungsweisen unmenschlich sind. Wie könnt ihr
nur so reden und handeln?”
Nach den Blickkontakten entfernt er sich, auch wenn es nur für
einige Minuten ist, und versucht so, die gegenseitige menschliche
Achtung voreinander zu erhalten. Heute ist der Tag, an dem sich
die christliche Gesellschaft, der christliche Glauben und die
Glaubenden , die Respekt vor Jesus haben, lustvoll auf die
Weihnachtsfeier vorbereitet. Bei jeder Arbeitsstelle werden große
oder kleine Feiern veranstaltet. Man verträgt sich, und unter den
Menschen wird Freundschaft verbreitet, indem Beziehungen zwischen
Verwandten und Bekannten zu erweitern versucht werden. In
vergangenen Zeiten war es so, aber heutzutage ist in der
kapitalistischen Gesellschaft Geld, Vermögen und Beruf das
wichtigste. Ist es für die Menschlichkeit, die Liebe, den Frieden
oder für die Freundschaft?
In unserer Umwelt gibt es viele, die
sich in der Einsamkeit quälen und ihren ehrlich verdienten Lohn
nicht bekommen, wieviele sind es? Warum wird ihnen nicht geholfen?
Warum wird den Problemen kein Interesse entgegengebracht? Wenn die
ganzen Ausgaben für den Egoismus und das Vergnügen nicht sind,
wofür dann?
Cetin hört, wie sie über Jesus
reden, beobachtet jedoch auch, wie sie handeln, Geld zum Fenster
hinauswerfen.
”Glauben diese Menschen wirklich an Jesus und feiern seinen
Geburtstag mit so vielen Ausgaben, wenn sie sich nicht einmal mit
den eigenen Eltern und Geschwistern beschäftigen und um deren
Probleme bemüht sind” überlegte er und stellte sich hunderte
von Fragen. Heute wollte der Leiter der Lacklaboranten,
Dr. Klocke, daß alle Ingenieure und
Laboranten gemeinsam frühstücken und sich amüsieren. Auf den
Tischen im Frühstückssaal liegen weiße Decken. Zwischen Besteck
und Kerzen zierten Tannenzweige die Tische. Außerdem sind in
jeder Ecke des Saales Tannenbäume mit verschiedenen Faben
beleuchtet. Es wurden verschiedene Würste, Käsesorten und
Marmeladen, auf den Tischen befindlich, angeboten.
Heute erleben die Laboranten und
Angestellten etwas, was außergewöhnlich ist.
Sie sind auf einer Weihnachtsfeier.
Es sitzen Damen und Herren nebeneinander und gegenüber. Unter den
buten Lichtern sehen Jung und Alt ähnlich aus, sie haben alle
junge Herzen. Sie verhalten sich nach Wunsch. Einige schmusen mit
den Haaren ihres Nachbarn oder legen die Hand auf die ihres
Nachbarn und schauen sich in die Augen. Es schien, als ob sie die
Sehnsucht, die das ganze Jahr über besteht, vergehen ließen.
Einige diskutierten mit hoher Stimme, lächelten und kicherten
dabei.
In dieser Abteilung gibt es noch fünf
weitere Menschen, die heute aber nicht unter diesen sind. Sie
machen dieselbe Arbeit, aber man sieht sie als ungelernte,
einfache Arbeiter und sie bekommen einen niedrigeren Lohn. Sie
machen die dreckigste und schwerste Arbeit. Es bleibt nicht beim
Putzen, sondern machen auch Botengänge, sie bringen Rohstoffe,
Farben, Oberlacke und Produktproben. Sie übernehmen wichtige
Arbeiten der Laboranten nebenbei, wie z. B. den Post- gang. Es
reicht auch nicht aus, daß sie die Farben und Namen kennen müssen,
sie müssen auch wissen, wo sie sind, wer sie hat, in welchem
Lager sie sind und in welcher Ecke. In dieser Abteilung arbeiten
um die 120 Laboranten und Ingenieure. Jeder kennt nur seine
Arbeit. Durch den Kontakt mit den verschie densten Bereichen
bekommen die ungelernten Arbeiter sehr viel Erfahrung. Sie wissen,
ob Rohstoffe, z. B. Lacke und Farbproben, in Ordnung sind oder
nicht. Es ist bei jeder Arbeit so, daß man die Werkstoffe, aber
auch die Perspektiven der Menschen, kennt, da man mit ihnen in Berührung
kommt.
Es reicht in dieser Gesellschaft
nicht, daß du Erfahrungen und Wissen hast, bei der Arbeitsstelle
ist deine Stellung wichtig. Dein verdienter Lohn ist wichtig, denn
die meisten Menschen stufen dich nach Gehalt und Titel ein. In der
Kantine kommt so schnell kein Ingenieur und Laborant an deinen
Tisch und ißt mit dir. Wenn du ein Arbeiter bist, bezieht sich
das Gespräch nur auf die Arbeit und auf die zu gebenden Befehle.
Von diesen einfachen Arbeitern kam
heute morgen Frau Hoppstein vom 3. Stock herunter. Als sie die
Treppe herunterstieg, merkte sie, daß ihr Herz wie eine Trommel
schlug. In ihr verbreitete sich ein Haß. Sie befand sich auf
einmal in dem Festsaal. Sie hielt vor der Tür, ihre Hand an der Türklinke,
doch dann wich sie ängstlich zurück. Sie lehnt sich an die Wand.
Sie hört das Gelächter von innen. Dann öffnet sie ängstlich
die Tür und streckt den Kopf hinein. Sie lächelt jeden einzeln
an, schüttelt ihren Kopf und merkt, daß ihr Herz schneller wird.
Durch die geöffnete Türspalte kam die warme Luft von drinnen und
schlug ihr ins Gesicht, die dreckige Luft. Ihr wird übel. Sofort
schließt sie die Tür. Dann geht sie wieder schnell zum Spülraum,
wo die Laboranten die Gegenstände spülen.
Als sie vor dem Spülraum war, war
ihr so, als wenn sie ihren schweren Körper nicht mehr tragen
kann. Sie lehnt ihren Kopf an die Wand. Dann denkt sie an die
vergangenen Jahre, als sie als Laborantin arbeitete, und erinnert
sich an das Labor und ihre Kollegen. Damals machte sie dieselbe
Arbeit, die die Kollegen im Labor jetzt machen. Ihre Freunde, mit
denen sie früher gearbeitet hatte, sitzen
heute beim Frühstück zusammen bei der Weihnachtsfeier.
Damals saßen sie oft beim Essen zusammen, da man einfache
Arbeiter nicht von anderen unterschied. Dann bekam sie
Mutterschaftsurlaub. Ihre Schwiegermutter wurde in dieser Zeit
auch krank, sie wurde gelähmt. Sie mußte auf sie aufpassen.
Deshalb kündigte Frau Hoppstein ihre Arbeit. Als sie jetzt an all
das Vergangene dachte, fühlte sie sich fertig. Nach den 10 Jahren
mußte sie wieder in ihre Arbeit
zurückkehren. Doch diesmal mußte sie als Hilfsarbeiterin
anfangen. Jetzt war sie ein qualitätsloser Arbeiter. Als sie beim
ersten Mal zu ihrer Arbeit zurückkehrte, merkte sie, daß ihre
Kollegen gegenüber kalt geworden waren, sie wurde ganz kalt
empfangen.
Dann nimmt sie ihren Kopf aus der Tür.
Sie trocknet ihre feuchten Augen."Daß ich nun hier als
normale Arbeiterin arbeite, daß ihr als Laboranten, Ingenieure
und als Sekretärinnen im Büro arbeitet, ist ein Zufall. Wie
schade, daß man jetzt nicht mehr auf das Können der Arbeiter
achtet, sondern durch Beziehungen oder einen Zufall wie beim Lotto
eingestellt wird. Ihr könntet auch an meiner Stelle sein. Ich weiß
auch, daß ihr früher im Dreck und unter noch schlechteren
Bedingungen gearbeitet habt. Wie schnell habt ihr diese Tage
vergessen. Jetzt könntet ihr auch an unserer Stelle sein"
sagte sie. Sie hatte zum Stehen keine Kraft mehr. Sie wollte
sofort zum Spülraum.
Als sie in den Spülraum kommt,
sieht sie Cetin, der seine Zeitung auf dem Tisch ausgebreitet hat
und sie liest. Sie läßt
nicht merken, daß sie hereinkommt. Sie kommt bis zur Mitte des
Raumes, steht wie eine Statue, schaut den lesenden Mann an. Sie
dachte, daß es besser sei, wenn sie den Mann nicht stört. Doch
dann wirft sie sich auf den Stuhl und sagt mit leiser und fester
Stimme:
"Hast du unten unsere feiernden
Freunde gesehen? Die
Thermosflaschen, die du aus dem Magazin mitgebracht hast und die
Teller und die Tassen, die ich aus der Kantine mitgebracht habe,
wie schön haben sie es auf den Tellern geschmückt."
Als der lesende Mann seinen Kopf
hebt, sieht er sie vor sich, als wenn sie eine Statue wäre. Er hätte
im Traum nicht daran gedacht, daß ein Gesicht sich so verändern
kann. Er schaut in Frau Hoppsteins Gesicht. Sein Herz fängt zu
schlagen an. Er bringt einige Sätze zusammen.
"Was ist los, du bist bleich,
deine Lippen zittern. Bist du krank?" konnte er zwingend
fragen. Frau Hoppstein dreht ihr Gipsähnliches Gesicht vom
Fenster zur Seite.
"Ich habe nichts. Frühstück,
Fest, Brot, Pelz, Weihnachten ..."Aus ihrem Mund fielen diese
Wörter, die zu keinem Satz führten. Cetin war entsetzt, schmeißt
das Geo-Heft auf den Tisch und steht auf.
"Es wäre gut, wenn du zum Arzt
gingest," sagte er und seine Stimme klingt zum ersten Mal
anders. Die sich in den Augen von Frau Hoppstein sammelnden Tränen
kullern hinunter.
"Es ist besser, wenn ich die
Gesichter dieser Menschen heute nicht mehr sehe. Ich werden nach
Hause gehen. Ja, ja, ich werde nach Hause gehen," sagte sie.
Cetin drehte sich zu ihr und redete mit einer kräftigen Stimme:
"Du arbeitest für ein
menschliches Leben, verkaufst die Kraft deiner Arme, läßt deinen
Schweiß auf der Stirn fließen. Die Arbeit, die du machst, muß
einer machen. Weil du diese Arbeit machst, mußt du stolz sein.
Eine schwere und dreckige Arbeit ist zwar schlecht für die
Gesundheit, aber einer muß es doch machen in dieser Gesellschaft.
Deshalb mußt du stolz sein, daß du so eine Arbeit machst.
Arbeite du mit Stolz, denn die Menschen, die ohne Menschenstolz
arbeiten, sollten sich schämen, die großen runden Metalltaler
und die großen wertlichen Scheine anzunehmen. Menschen, die keine
Selbstachtung haben, sind auch nicht fähig, andere zu lieben. Sie
sind Sklaven eines Titels. Wenn du möchtest, kannst du nach Hause
gehen, es wäre auch besser, dann könntest du die Vorbereitungen
für das Fest erledigen und den Weihnachtsbaum schmücken. Sie wären
schnell fertig und könnten länger feiern."Frau Hoppstein
stand beschwerlich auf, wusch ihr Gesicht und die Hände. Cetin
ging mit ihr bis zur Außentür. Bei der Rückkehr traf er Frau
Kleinjäger. Sie holte eine Photokopie aus einem Buch heraus. Sie
schauten sich an und lächelten. Dann fragte er:
"Oh, warum sind sie nicht bei
der Weihnachtsfeier? Sind sie auch Ausländer, oder eine
ungebildete Arbeiterin?"Er hatte ohne zu überlegen geredet
und schaute beschämt zu Boden. Sie sagte lächelnd:
"Stimmt, ich bin auch eine Ausländerin,
auch Arbeiterin. Ich bin jedoch kein Freund von denen, die
Menschen nach Farbe und Rasse trennen. Ich fühle mich zu euch gehörig.
Schau`n sie, auch ich verdiene hier mein Brot, genau wie sie. Man
hat mir diese Arbeit gegeben und ich mache sie. Anderen wurde an
den Bändern und in den Produktionen Arbeit gegeben und sie machen
sie. Was ist denn schon ein Laborant? Es ist auch eine Arbeit, wie
jede andere. Ich kenne diese Situation, mein Vater ist auch ein
Arbeiter."Kurz vor dem Mittagessen kehrten einige in ihr
Labor zurück. Dann befiehlt die Sekretärin, daß das Besteck und
die Teller weggeräumt und in die Kantine gebracht werden solle.
Da wurde der ausländische Arbeiter zornig und sagte mit fester
Stimme:
"Wer gefeiert hat, soll den Saal wieder in Ordnung
bringen und sauber machen. Es ist ihre Privatsache, nicht
unsere."
Er wirft die Tür zu und geht. Er
hatte noch nicht die Mitte des Saals erreicht, da sieht er, daß
in Dr. Schmatalien`s Labor
schon das Mittagessen angefangen hat. Als der Laborchef ihn zu
sich ruft und ihm befiehlt, alles bis 14 Uhr sauber zu machen,
verliert er seine Geduld. Er geht hin und sagt:
"Suchen sie sich doch einen
privaten Diener, ich bin hier nicht der Hausdiener, sondern
Fabrikarbeiter in einer Fabrik."
Dabei sieht er ihn an, als wolle er
ihm ins Gesicht spucken. Der Chef zuckt zusammen, weicht zurück,
stößt einen Farbeimer um und fällt hin. Die Laboranten lächelten...
Weisse Bilder:
Schritte, man hört Schritte. Nur wenige. Sie mehr.
Oft schaut sie sich um in diesen engen Gassen. Gassen die sie
kennt, heute ihr so fremd.
Nicht vergessen hat sie die Bilder.
Und Jetzt ? Nein, da war wieder nichts. Sie irrte. Ihre Blicke
gingen wieder Starr nach vorne.
Sie hatte nichts ahnend den Fernseher eingeschaltet, bevor sie
zur Bekannnten ging.
Der Schein der Laternen konnte den nebel, der über den Straßen
hing, diese bedeckte, kaum durchdringen. Dennoch sah sie wie sich
eine Haustür schloß. Nun war sie allein. Sie erhöhte ihr tempo,
sah sich wieder und wieder um.
Hinter ihr bogen Lichter ein. Das Auto fuhr an ihr vorbei,
verschwand an der nächsten Ecke.
Wieder kamen die Bilder. Die Bilder des brennnenden Hauses, der
grölenden Masse.
Sie hörte Schritte, fing an hastig zu atmen, drehte sich um.
Das Gesicht im fernsehen gesichert im Polizeiauto war so schwarz
wie sie.
"Dunkler" dachte sie.
Sie blickte sich wieder um, zwei vielleicht drei Männer sah sie
hinter sich, mit dumpfen, schnellen Schritten komment
Sie rannte. Rannte fast an ihrem Haus vorbei. Hastig, plötzlich
beruhigt zog sie ihren Schlüssel aus der Hosentasche. Die
Schritte waren verschwunden.
Sie konnte nicht schlafen diese Nacht. Immer wieder kamen die
Bilder, nicht des Gesichtes, der Masse, des feuers, andere
erschienen.
Weisse Bilder.
Sie inmitten der Anderen, eine von ihnen, doch dann die Finger,
die begannen auf sie zu zeigen, sie zu ergreifen. Die Finger
huschten über ihr Gesicht, wurden richtig Weiss, sie Schwarz, ließen
sie nicht mehr los.
Immer und immer diese Bilder, sie konnte sich nicht dagegen
wehren, nicht gegen die Bilder, nicht gegen die Finger.
( ... )
"Komischer Bus", dachte sie, als dieser vor ihren Füßen
hielt.
Die rote Werbung des Busses mißfiel ihr. Sie stieg ein. Ein,
zwei, drei Reihen hinter dem Fahrer setzte sie sich hin, blickte
aus dem Fenster, sah ein Polizeiauto auf der Gegenüberseite
herfahren.
"Komisch", dachte sie, damals war Cola ein Zeichen von
Reichtum. Damals, zu Hause.
Der Polizeiwagen bog ab, hielt vor der Polizeiwache. Es war eine
kleine Polizeiwache. Die Polizisten stiegen aus.
Heute fürchtete sie sich nicht. Warum auch? Es war spät, aber
noch hell. Es war ein schöner Abend.
Vom Nebel war nichts mehr übriggeblieben. Von dem Haus im
Fernseher auch nicht. Alles war wie vorgestern.
Die Gassen schienen ihr heute nicht mehr so eng, vertrauter.
Hinter ihr bog ein Auto ein, "so wie Gestern ".dachte
sie.
Sie hörte laute Musik aus dem Wagen, bemerkte nicht, daß der
Wagen immer langsamer fuhr, anhielt. Sie hörte die Türen
zuknallen, hörte Schritte, Stimmen.
Sie öffnete ihre Augen, leicht. Die Wand, die sie erblickte, war
weiß. Sie bewegte ihren Kopf leicht nach Links, ein Fenster,
bewegte ihren Kopf nach Rechts, ein Bett.
Sie schloß die Augen, öffnete sie wieder. Sie sah etwas vor
sich. Etwas grünes.
Sie blickte auf, sah eine grüne Mütze, die gerade von einer
Hand vom Kopf abgenommen wurde.
Sie erkannte, das war ein Polizist. Sie versuchte sich
aufzurichten.
" Bleiben sie liegen ", sagte er. Sie betrachtete ihn
noch einmal, sah ihm ins Gesicht, erschrak. Es war Schwarz. "
Ich bin Herr ......., für sie einfach nur Sammy". Sie sah,
wie sich rechts eine Tür öffnete, zwei Frauen kamen rein, beide
in Weiß.
"Sami komm mal her" hatte der 'Dicke' gesagt, es ihm
erzählt.
"Warum ich?" hatte er absichtlich gefragt, "dafür
sind wir nicht zuständig".
" Naja weisst du Sammi", hatte er gesagt," weisst
du die dachten das sei vielleicht besser, wenn du, ich mein demnächst
sind Wahlen weißt du und die Bürgermeisterin kann sich den
Vorfall nicht leisten, verstehste ?"
Er verstand.
"Komisch", hatte sie gedacht im Bus. Sie dachte nich
oft an die Heimat.
Ihre Heimat? Sie wusste nicht. Als Kind war sie dort
aufgewachsen, einige Schwestern hatte sie, einige Brüder.
Sie war nicht die Jüngste, nicht die Älteste. Anstrengend, aber
dennoch gut war es gewesen, in der Kindheit. Sie konnten leben,
nicht alle aus der Familie. Drei Geschwister starben. Zwei an
Krankheiten, einer durch die Kugel.
Keine Pläne hatte sie, bis sie ihren Zukünftigen traf, den Weißen,
der gekommen war um zu helfen. "Hure" wurde sie
beschimpft, ausgestoßen, als es begann. Freunde, Nachbarn wurden
zu Gegnern. Aber nun war sie hier, in der neuen Heimat.
Sammy hatte eigentlich soviel zu tun. Blumenstrauß für Mutter
kaufen, Geschenk für Freundin abholen. Es war Valentinstag und
die Freundin hatte auch noch Geburtstag, zu allem Überfluß
musste er noch zwei Fässer Bier für die Party besorgen.
Gut, daß die Geschäfte bis 20:00 Uhr offen haben, dachte er.
Wenigstens hatte er sich schon auf dem Weg zur Polizeiwache
rasiert. Das sparte Zeit.
Immer und immer wieder schaute er auf die Uhr, auf dem Weg zum
Krankenhaus. Seine Partnerin war nicht sehr gesprächig heute.
Noch nicht einmal ein Blümchen hatte sie von Sammy gekriegt.
Obwohl sie angeblich auch gar keine Blume erwartete.
Er ärgerte sich über das Auto vor ihm, daß langsam fuhr, nicht
darüber, daß er zum Krankenhaus musste, weil er Schwarz war. Das
störte ihn scheinbar nicht, war ihm scheinbar egal.
Weiß oder Schwarz, interessierte ihn wirklich nicht.
Aber nur wegen der Bürgermeisterin dahin ? Die mochte er nicht
einmal. Er war ihr einmal begegnet. "Typisch CDU", war
ihm rausgerutscht. Später hatte er vom Dicken Ärger bekommen,
der Dicke vom Polizeipräsidenten.
" So langsam, nur weil wir Bullen hinter ihm sind",
sagte er. Seine Partnerin lächelte leicht. Er fand ihr lächeln süß,
sie hatten schon zusammen die Ausbildung gemacht.Wie oft hatte er
schon "Bulle" gehört, sogar gesagt, störte ihn nicht.
"Nigger" schon.
Seine Partnerin, Judith, war Sprite holen gegangen, als sie
aufwachte. Sprite, sein Lieblingsgetränk. Zumindest während der
Dienstzeit
Er legte sein breites Grinsen auf, daß seine Freundin liebte.
"... für sie einfach nur Sammy".
Hinter der Ärztin und der Krankenschwester, kam Judith rein.
"Endlich", dachte sie, als die Ärztin die Aufgewachte
durchgecheckt hatte und die Befragung erlaubte.
Die Befragung ging flott. Sie hatte keinen erkannt, wusste nicht
warum, erstattete Anzeige gegen Unbekannt, schien alles gut
verkraftet zu haben, konnte trotz der Knochenbrücke schon wieder
Lächeln. Inwahrheit war nichts mehr wie vorher.
Sami machte die Befragung nichts aus, Judith schon. Sie
bewunderte Sammy, daß er alles so locker nehmen konnte,
bewunderte ihn, hatte es schon immer getan. Dabei, so locker nahm
er gar nicht alles. Er hatte nur die Kraft sich nicht alles
anmerken zu lassen. Das wusste sie.
Wusste, daß er die Befragung locker nahm, aber nicht, daß sie,
weil Schwarz, verprügelt wurde...
06.09.97
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