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Die Menschen waren Freunde

 

Heute morgen ist es wieder windig. Der Himmel ist von grauen Wolken bedeckt,

man sieht nichts vom Blau.

Hermann hat die Hände in seiner Hosentasche vergraben und schaut aus dem Fenster. Ich glaube, jemand hat Geburtstag. Vielleicht hat auch keiner Geburtstag und es hat nur jemand zum Frühstück Kuchen mitgebracht. Es ist eine unglaubliche Kälte für den Monat Juli. Sie wollen sich mit Kaffee aufwärmen. Weder die Laboranten noch die Ingenieure haben heute Lust zu arbeiten. Sie vertiefen ihre Gespräche, um dadurch Zeit zu gewinnen.

Nur Cetin -er hat einen grauen Kittel- wäscht die abgeschüttelten Siebe und Umrührstäbe der Waschkannen. Er singt leise das Lied von Pir Sultan Abdal vor sich hin:

   

"Mein Schicksal, was habe ich dir getan?

Du hast mich in die Fremde geworfen.

Wenn man nicht früher gelacht hat,

Wie kann man später glücklich sein.

Du hast von meinen Augen

Die Tränen fließen lassen"

 

Nur Joachim hat gemerkt, daß er leise dieses Lied singt. Dann sagt er: "Das ist doch türkisch, und ich versteht es nicht." Er hat den letzten Schluck aus seiner Tasse getrunken und sie sehr vorsichtig auf den Tisch gestellt, als hätte er Angst, ein Geräusch zu machen. Er schaute seine Damenund Herren Kollegen an, die ihren Kuchen aßen und ihren Kaffee tranken und in ihre Gespräche vertieft waren.

Er schaute seinen ausländischen Kollegen an, dann ging er zu Hermann und stellte sich neben ihm. Er hob den Kopf und nahm die Hand vor die Stirn, als ob die Sonne ihn blendete. Aber es war kein Schimmer von Sonne hinter den Wolken zu sehen. Was für ein schlechter Tag heute doch ist. Schau es die an, als wenn die ganze Welt mit Grau übermalt wäre. Seit meiner Kindheit mag ich nicht so ein Wetter -und das noch mitten im Sommer, da hält man so ein Wetter nicht aus.

Ohne sich zu beugen holte Hermann tief Luft.

„Ich mag diese Naturgesetze und Naturabläufe überhaupt nicht. Wie merkwürdig ist doch diese Welt und diese Gesellschaft, in der wir leben.“

Er führte sein Gespräch weiter; was er sagte, verstand man garnicht. Er hob den Kopf und sah tief in den Himmel, als wenn er dort etwas suchen würde. Dann wendete er sich wieder dem Labor zu und  sah seine Freunde von oben bis unten an, die sich miteinander unterhielten und die einzige Person, die arbeitete.

Er berührte seinen neben ihm stehenden Freund und als sie sich in die Augen sahen, rührte sich etwas.

"Schau mal nach draußen und dann wieder hier herein. Unsere Welt mit ihrem Wetter, der Natur und der Gesellschaft, wie ist sie doch farbig und merkwürdig und wie oft sich sich verändert sie sich.

Ist es nicht merkwürdig?

Ich erinnere mich an meine Kindheit. Damals war der Sommer länger und das Wetter schöner -mehr frische Luft, die man ohne Angst einatmen konnte. Die Freundschaft zwischen den Menschen war besser. Es war in allem eine Freude,

Schönheit und Glück.

Aber das Verhältnis der Menschen zueinander wurde durch die Technik, durch Industrie und Aufrüstung und besonders durch unser Fach, die chemische Industrie, beeinflußt. Das hat die guten Seiten verändert und vernichtet.

Sogar den Lauf unserer Welt hat es verändert, die Luft, das Klima und den Geschmackl der Nahrungsmittel. Ich sehe, daß es alle Beziehungen, auch zwischen den Menschen, in Unordnung gebracht hat. Ich denke jeden Tag, jede Minute, die Gesellschaft, die Natur wird noch schlimmer. Wenn ich daran denke, habe ich keine Lust, in dieser Chemiefabrik zu arbeiten.

Was machen wir eigentlich? Erst vergiften wir uns selbst, dann vergiften und beschmutzen wir die ganze Welt. Wir produzieren das dreckige Gift und die Farbe.

Ich bin dagegen daß unsere Umwelt dreckig und vergiftet wird. Aber was kann ich machen?

Ich muß selbst hier arbeiten. Ich habe keine  andere Arbeitsmšglichkeit."

Nachdem er all dieses erzählt hatte, als wollte er von jemanden Hilfe, schaute er sich um und holte tief Luft. Er beugte den Kopf. Joachim schaute aus dem Fenster, den Vögeln nach, die sich langsam von einem Baum erhoben und wegflogen.

"Ehrlich, nichts von dem Bild draußen gibt einem Freude. Vileleicht haben die kleinen schwarzen Vögel auch keine Freude in dieser dreckigen und giftigen Welt", dachte er bei sich. Er drehte sich mit dem Rücken zum Fenster und suchte nach Worten mit denen er seinem Freund zu sagen vermochte, was ihm gerade durch den Kopf ging. Aber er konnte die Worte, die er sagen wollte, nicht zusamenstellen. Er nahm  einen Stuhl, setzte sich und stellte seine Ellenbogen auf den Tisch. Dann nahm er seinen Kopf zwischen die Hände und überlegte. Er wendete sich zu seinem Freund zu.

"Ich glaube, du hast ein Problem. Du warst eine Zeitlang pessimistisch, aber du mußt dich von diesem Pessimismus befreien, sonst kommst du in eine Krise.

Vielleicht bleibt es nicht nur bei dir, vielleicht beeinflu§t du mit deinem Benehmen und deinen Gedanken deine Mitmenschen. Die geraten auch in eine Krise. Bitte sei nicht verärgert, über daß, was ich dir sage, wir sind Freunde. Du weißt auch, daß ich in dieser Gesellschaft viel es nicht mag.

Bitte verstehe mich nicht falsch -nicht daß du denkst, ich wolle dir Gedanken geben. Natürlich kannst du das selbst entscheiden und selbst denken. Ich wollte schon seit einigen Monaten mit dir darüber sprechen, aber es gab bisher nicht den richtigen Zeitpunkt dafür.

"Du siehst aus, als wenn du mit deinem Leben nicht zufrieden wärst."  

Hermann lächelte. Er legte vorsichtig die Hände an seine Brille, nahm sie ab und rieb sich mit seinen dicken Fingern die Augen. Dann streichelte er die Haare von Christiane, die ohne Interesse an dem Gespräch der anderen, etwas schrieb. Die Haare zwischen seinen Händen kamen ihm glatt, weich und seidig vor. Er spürte etwas Warmes in sich.

Er sah in die Augen seines Freundes und sagte: "Du siehst nur die guten Seiten und kümmerst dich nicht um das Geschehen in der Welt. Es stört dich nicht, wenn die Welt  langsam stirbt.  Vielleicht bin ich auch zu gefühlsvoll. Doch beim Lesen oder wenn ich mir die Umwelt anschaue, wenn ich überlege, stößt mein Kopf immer wieder an die Wahrheit.

Doch ich kann nichts dazu, daß ich überlege. Das Petroleum, das wir verbrauchen, dieses Petroleum und was wir daraus machen, alle Rohstoffe kommen aus den arabischen Ländern Iran, Irak, Libyen, Saudi Arabien usw. . Im Fernsehen habe ich den Krieg in diesen Ländern gesehen. Dann habe ich im Fernsehen die Südländer, also Spanien, Italien, Jugoslawien und die Türkei, also das Mittelmeer, gesehen. Ich habe mir die Schönheit dieser Länder angeschaut. Ich habe über den geschichtlichen Wert der Länder vor Christus und nach Christus nachgedacht, auch darüber, wie diese Länder vernichtet worden sind. Ich glaube, daß diese schöne Gegend und die Gebäude durch einen Krieg zerstört worden sind. Auch heute läuft alles so schnell, was die Menschen aufgebaut, produziert und entwickelt haben, in Richtung Zerstörung.

Schau, im 1. Weltkrieg sind mehr als 10 Millionen Menschen getötet worden. Dann wurde ein wenig stillgehalten. In unserem Land wurden Technik und Sozialhilfe eingeführt. Die Gesellschaft hatte ein menschliches Leben erschaffen. Was ist dann passiert?  Der 2. Weltkrieg kam und es starben mehr als 55 Millionen Menschen.

Pausenlos wurden auf der Welt Kriege geführt. Seit 1945 sind auf dieser Erde ca. 150 Kriege, kleine und große, geführt worden. Bis zum heutigen Tag haben 130 Länder mit ihren Nachbarn oder im Land selbst Krieg geführt.

Sagen wir mal, es sind über 20 Millionen Menschen getötet worden, und denk an die 100 Millionen Menschen, die in diesen Kriegen schwer verwundet und damit behindert und krank geworden sind. Als wenn all dies nicht reichen würde, wißt ihr, was wir jetzt in der Hand haben? über 50.000 Atomsprengköpfe. Das heißt, wir haben in unserer Welt über 20 Milliarden Tonnen TNT-Sprengstoff. Im 2. Weltkrieg waren es nur 3 Millionen Tonnen."

Als Hermann dies erzählte, schien es so, als sei er durch die Müdigkeit am Ende, als ob wegen schwerer Arbeit seine Augen blutunterlaufen wären. Sein ganzes Gesicht war rot. Als er Luft holte, mischte sich Christiane ein:

"Wir wissen, daß im Jahr 1985 für die Rüstung 100 Milliarden US-Dollar verbraucht worden sind."

Hermann sprach langsam weiter. Inzwischen war Dr. Brock ins Labor eingetreten Er hatte jedem die Hand geschüttelt, außer Cetin, der gerade spülte. Hermann beobachtete Dr. Brock unauffällig.

"Seht euch die an, die unsere Drecksarbeiten wegmachen, sie haben in ihren Ländern genau das 20-fache mehr für Rüstung ausgegeben, als sie in die Industrie investiert haben. Wißt ihr, was mich am meisten ärgert? Daß unsere Mitarbeiter über die spanischen, türkischen, portugiesischen usw. Arbeiter spotten. Obwohl sie die migranten Arbeiter nicht kennen, sprechen sie schlecht über sie. Das macht mich fertig. Nachts kann ich nicht mehr schlafen. Ich frage mich, was haben diese Menschen verbrochen? Keine begründete Anwort. Sie haben hier Arbeit gefunden und müssen arbeiten. Als Gegenleistung für diese Arbeit haben sie es verdient, menschlich zu leben. Wenn ein Mensch leben möchte wie ein anderer, wenn er, ohne Land, Sprache und Religion zu unterscheiden, dort arbeitet, hat er es verdient, menschlich behandelt zu werden.

Wenn er trotz allem als schuldig angesehen wird, sind die Verantwortlichen dieser Länder die Schuldigen. Weil sie Milliarden in die Rüstung investiert haben, aber in die Entwicklung der Industrie investieren sie nicht genug. Dadurch leben die Menschen dieser Länder in Armut. Und dann die, die diese Menschen zum Arbeiten hergerufen und damit eingeladen haben und jetzt hinter ihnen spotten, die sind schuld. Wenn die Menschen in ihren Ländern dieselben Chancen hätten, warum wären sie dann gekommen?

Schau dir den Kollegen an, der gerade spült. Er hat in der Türkei studiert. Auch hier hat er studiert. Er hat im Leben genauso viele Erfahrungen gemacht wie wir, in der Chemie auch. Er macht unsere dreckigen Arbeiten. Wenn wir Probleme zu Hause oder auch bei der Arbeit haben, geben wir ihm die Schuld. Wenn er in der Pause Zeitung oder ein Buch ließt, stört es uns und wir reden hinter seinem Rücken.

Die verantwortlichen Personen von Militär und Regierung dieser Länder sind nicht allein schuldig, wir sind auch schuldig. Einfach ohne Grund unterdrücken und verletzen wir die Kollegen, die mit uns arbeiten. Aber wir reden garnicht über unsere Regierung, die Arbeitgeber, Chemieindustrie und Waffenhändler, die diese Menschen hierhergebracht und im Stich gelassen haben, und die unsere Welt dem Feuer jeden Tag ein Stück näher bringt.

Die Statistiken zeigen, daß wenn 1/5 der militärischen Ausgaben für die Gesund- heit und Entwicklung der Länder der 3. Welt aufgewendet würde, es im Jahr 2000 keine hungernden Menschen mehr geben würde. Außerdem hat ein Fach- mann im Fernsehen erklärt, das für jährlich 5 Milliarden US-Dollar für 10 Jahre Trinkwasser für alle Menschen und die Landwirtschaft bereitgestellt werden kann. Das ist nicht viel mehr als der Betrag, der in 2 Tagen für militärische Zwecke aufgewendet wird...“

„In einer Zeitschrift wurde veröffentlicht, daß das große Einkommen der entwickelten Länder aus den Gewinnen des internationalen Rüstungsexports und Waffenhandels  herrührt. Von 1968  bis 1982 verdreifachte sich ihr Kapital, das heißt, 1/5 der Weltbevölkerung (die Reichen') nimmt 21 % der gesamten Weltwirtschaftsleistung für sich in Anspruch, ein weiteres 1/5 , die Ärmsten der Armen, erhält ganze 2 %. Ich glaube, ich habe zuviel geredet. Schau, vorhin als  Dr. Brock reinkam, hat er jedem von uns die Hand geschüttelt. Wir alle sitzen hier und diskutieren, trinken  Kaffee und essen Kuchen. Laß uns mal vom Händeschütteln absehen, er hat den dort arbeitenden Kollegen nicht einmal begrüßt. Der Fehler dieses Kollegen ist, daß er aus einem anderen Land kommt.

Wenn wir die Menschen so unterschiedlich sehen, wie ist es dann möglich, daß wir ihnen vom Einkommen der Gesellschaft ihren gerechten Anteil geben?"

Als Hermann mit seinem Gespräch fertig war, fuhr er wieder durch Christianes Haar, nahm ein auf ihren Rücken gefallenes Haar und hielt es zum Fenster hinaus. Er hat daran gerochen, als wenn es eine frische Blume wäre.

Christiane nahm ihren Stift und legte ihn auf ihren Block. Sie streckte die Arme aus und gähnte.

"Wir wußten nicht, daß du ein Roter bist. Nimm es mir nicht übel, aber du redest  genau wie die. Wenn du an der Stelle unseres Bundeskanzler Kohl würst, würdest du dann alles ändern können?

Willy Brandt und Schmidt konnten gut über die gesellschaftliche Gerechtigkeit reden. Sie waren mit ihren Fachkräften an der Regierung, aber sie konnten den Lauf des Flusses nicht ändern."

Als Hermann dies hörte, tat er so, als haber er nichts gehört und spielte weiter mit dem Haar. Es kam Joachim so vor, als würde man ihn beschuldigen, und er sagte mit harter Stimme:

"Ja, keiner kann diese Situation ändern, egal ob er, du oder ich; aber es stimmt, was er sagt. Es muß sich etwas ändern, aber wenn man sich den Kopf über so etwas zerbricht, wird man selbst schlecht. Dieser Mann wird eines Tages seinen Verstand verlieren."

Er tippte auf Hermanns Schulter und fragte:

"Wie kommst du auf diese Themen?"

Hermann zog seinen Stuhl heran und setzte sich. Das  Haar in seiner Hand legte er auf seinen Block, der auf dem Tisch lag. Er nahm die auf der Fensterbank liegende Zeitungt und warf sie zu Joachim hinüber.

"Diese Themen erleben wir jeden Tag und möchten nichts davon wissen. Aber heute hat mich dieser graue Rauch am Himmel, dieser dreckige und vergiftete Rauch, darauf gebracht. Schau, wie diese Wolken und der dreckige Rauch aus den Fabrikschornsteinen den Himmel bedecken, sie verdunkeln ihn richtig.

Schau, in dieser Zeitung gibt es einen Artikel über die Hochschulphotoaus- stellung von Cetin. Ich war auch auf dieser Ausstellung und fand sie einfach Spitze. Er hat die Probleme des Lebens in dieser Gesellschaft und ihre negativen Seiten durch Photos und ein paar geschriebene Zeilen deutlich gemacht.

Als ich heute morgen in dieses Labor hereingekommen bin, habe ich gesehen, daß wir gestern die ganzen Sachen, die eigentlich erledigt werden mußten, wie Saubermachen, Waschen und Sachen vom Betrieb abholen, nicht gemacht haben, obwohl wir noch viel Zeit hatten. Wir haben alles für ihn übrig gelassen. Er macht unsere Arbeit, aber nicht mal aus Höflichkeit haben wir ihm ein Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee angeboten. Wenn wir menschlich denken würden, wären wir selbst auf dieses Thema gekommen."

 

Christiane fühlte sich schuldig, obwohl im Labor um die 20 Menschen waren. Ihre Gesichtsfarbe wechselte zwischen rot und weiß, obwohl Christiane weder den Kuchen mitgebracht noch den Kaffee gekocht hatte. Sie stotterte:

"Ah du, dieser Mann bekommt Geld für die Arbeit."

In der Gruppe, wo sie in die Diskussion vertieft waren, schrie Angelika mit harter Stimme:

"Wenn das so ist, wofür sind wir dann  da?  Wofür bekommen wir Geld? Wir laden von unserer Arbeit einen Teil auf seinen  Rücken, muß er dazu auch noch unsere Kaffeetassen spülen?"

Christiane mochte Angelika sowieso nicht. Obwohl sie ihre ganze Zeit am Tisch mit dem Kuchen verbrachte, hatte sie wohl die Ohren die ganze Zeit bei ihnen; Christiane wurde darüber richtig böse, aber sie entschied sich fürs schweigen. Hermann stand auf, er zwinkerte Angelika zu. Er steckte seine Hände in die Taschen und stellte sich ans Fenster.

"Ich überlege, ob wir ihn genauso behandeln würden, wenn er kein von Migranten wäre. Wir Menschen dieser Gesellschaft, für was halten wir uns eigentlich?

Wir denken, daß wir alles wissen und eine gute Kultur haben. Das ist keine Kultur, das ist eingebildet. Kultur haben bedeutet, selbst respektvoll zu sein, anderen gegenüber Respekt zu zeigen und über Richtig und Falsch nachzudenken und Informationen zu sammeln, um unter -scheiden zu können. Eine Person mit Kultur soll einen weiten Blickwinkel haben; gesellschaftlich, politisch, ökono misch, sozial, technisch, ökologisch usw. versuchen, von anderen Lebensweisen zu lernen. Nur weil ein Mensch aus einem Industrieland kommt, das seinen Bürgern ökonomische und soziale Möglichkeiten bietet, bedeutet das nicht, daß man Kultur besitzt.

Daß dieser Mann nicht zurückgeblieben ist, merkt man an dem, was er macht und liest. Er ist kein normaler Arbeiter, das zeigt sich in seinen Ausstellungen und dem, was er in den Zeitungen schreibt.

Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie gemein und rücksichtslos wir uns den Leuten gegenüber verhalten,  die hier als normale Arbeiter leben; nur merken wir das nicht. So merkwürdig ist unsere Welt. Wenn ich all dies sehe und daran denke, schäme ich mich, ein Mensch zu sein. Wenn ich an den Rauch der Schornsteine, die dreckige Luft, die Fernsehnachrichten über die Umweltverschmutzung und die Kriege denke, schäme ich mich, daß ich in dieser Industrie arbeite."

 

Christiane machte ein ernstes Gesicht. Sie warf den Stift, den sie in der Hand hielt, nervös auf den Tisch.

"Die Tür ist offen, geh nach Hause, es hält dich niemand, du bist nicht angekettet. Es gibt viele, die Arbeit suchen, es gibt viele Menschen, die hier arbeiten wollen."

Hermann sah diese fiese Frau an, die er früher geliebt hatte. Er überlegte,  wie er abends mit ihr ausging, er dachte an die Haare, die sich wie Seide zwischen seinen Händen anfühlten. Er schüttelte den Kopf.

"Du redest genau wie die Arbeitgeber, genauso wie sie. Ich war früher wütend auf die, die gesagt haben. `Wer unterdrückt worden ist, versucht andere zu unterdrücken`. Jetzt merke ich, daß dieses Sprichwort richtig ist. Bestimmt hatten sie Leute wie dich im Auge, als sie es gemacht haben.“

Er ging wieder zum Tisch und wiederholte alles in seinem Inneren.

„Sie redete genau wie die Arbeitgeber; wie gut, daß ich sie nicht geheiratet habe. Wir hätten dann nicht für längere Zeit zusammensein können. Warum auch immer, dieses Mädchen liebt es, die Rolle der Arbeitgeber zu spielen. Schau, ihre Reden sind genau wie die der Arbeitgeber. Früher waren die Menschen sich näher und freundlicher zueinander. Vielleicht weiß ich das nur von meiner Umgebung.“

Der Arbeiter im grauen Kittel hatte längst seine Arbeit in diesem Labor bewältigt und fing in einem anderen Labor mit dem Spülen an.

 

 

 

 

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