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Sakine Friedensklagelied

 

Sie kam müde von der Arbeit; streifte sich die Jacke von den Schultern und warf sich 

auf das Sofa.

"Wie sollen zwei Menschen bloß die Arbeit von zehn Menschen erledigen? Die Kraft 

reicht nicht mehr. Wie lange kann man diese verdammt schwere Last überhaupt tragen. 

Die anderen acht Kollegen haben sie gekündigt. Ein Land, angeblich ein Rechtsstaat, 

wo Menschenrechte nicht verletzt werden, ein Sozialstaat, und was weiß ich noch was ...  

So ein Rechtsstaat, so ein Sozialstaat  sei verdammt," sagte sie.

" Letztens habe ich Marion getroffen. Sie sagte, ' Das Leben macht keinen Spaß mehr. 

Die ganze Welt ist kaputt. Es gibt nicht mal mehr zwischenmenschliche, nachbarschaftliche 

Beziehungen. Mein Arbeitslosengeld läuft auch bald aus, dann wird es uns erst recht 

schlecht gehen.'

Marion ist eine gute Frau. Sie arbeitete für Zwei. Beim Arbeiten hat sie immer mit 

kräftiger Stimme gesungen und hatte immer kleine Witze und Scherze auf Lager, um 

die Kollegen aufzuheitern. Sie bekam dann aber starke Rückenbeschwerden und war 

in den letzten zwei Jähren öfter krankgeschrieben. Dann wurde sie einfach gekündigt, 

weil sie sich angeblich zu oft krankschreiben lasse. Dabei war es doch die schwere 

Arbeit, die ihren Rücken beschädigt hat. Als ob sie nicht genug leiden müsste, bekommt 

sie dann auch noch die Last und den Schmerz der Arbeitslosigkeit aufgebürdet. Nun, 

ja, das ist eben der Rechtsstaat. So ein Rechtsstaat ohne jegliche Menschlichkeit 

versinke doch im Erdboden ...", murmelte Sakine, griff dann nach der Fernbedienung, 

die auf dem Tisch stand, und schaltete den Fernseher ein. Der Nachrichtensprecher 

berichtete über die Kriege im Balkan und in Nahost. Zertrümmerte Häuser, verstümmelte 

Menschen und Kinder; Kinder,  mitten auf der Straße im eigenen Blut, wie Hundekadaver...

Sie schaltete auf einen anderen Sender. "Trotz des Abrüstungsbeschlusses des ersten Weltfriedenskonferenzen im Jahre 1899 in Den Haag, werden die Ausgaben für 

Kriegswaffen 1999 bei schätzungsweise dreihundert Milliarden Dollar liegen ...", 

ertönte es.

Auf dem Bildschirm liefen Bilder von hochmodernen Panzern, Kriegsflugzeugen...

Ihr wurde schwarz vor Augen.

"Nach öffentlichen Angaben kämpfen siebenhundert Millionen Menschen mit dem 

Hunger, ist das da nicht eine große Unverschämtheit, dass die Länder einen wichtigen 

Teil ihres Etats für Kriegswaffen und Kriegsfahrzeuge ausgeben", schimpfte sie. Sie

 versuchte sich auf die Nachrichten zu konzentrieren.

"Amerika, Frankreich, Deutschland und Russland sind die größten Waffenexporteure. 

Die Ausgaben für Kriegswaffen belaufen sich für den Zeitraum von 1990 bis 1995 auf 

insgesamt einhundertsechzig Milliarden Dollar. Unseren Quellen zufolge, liegt die Türkei 

mit dem Import von Waffen im Werte von sechs Milliarden einhundertsiebenundsechzig 

Millionen Dollar weltweit auf dem sechsten Platz..."

Sakine schaltete schnellstens den Fernseher aus. Sie strich sich über den Kopf, nahm 

eine Strähne ihres Haares in die Hand und wickelte es um den Finger. Sie wurde auf 

die Nachricht in der (türkischen) Zeitung, die vor ihr auf dem Tisch lag, aufmerksam. 

Es ging darum, dass die  Beauftragten versuchten, jeden einzelnen europäischen 

Beauftragten für die Aufnahme der Türkei in die europäische Zollunion zu überzeugen.

"Ihr Hundesöhne, nehmt dem Volk alles, was es hat, und gebt es dann so sorglos aus.

Warum kann die Türkei nicht den sechsten Platz zwischen den hochentwickelten 

Ländern einnehmen? Während das Volk wegen der hohen Arbeitslosigkeit und 

der großen Armut wimmert, gebt ihr das Geld an die Länder, die Waffen produzieren, 

und mit den gekauften Waffen besudelt Ihr dann euer Land mit Blut.

Ihr könnt lange warten, dass man Euch in die europäische Gemeinschaft aufnimmt.

Hättet Ihr das Geld in die Entwicklung des Landes und nicht in Waffen investiert, 

würden wir heute nicht die dreckigsten und schwersten Arbeiten in den europäischen 

Ländern verrichten, und unser Land wäre nicht in diese ethnischen Unruhen und in 

diesen Chaos hineingeschlittert", schimpfte sie.

Nach diesen Wörtern glitt ihre Hand wieder zu der Fernbedienung. Es wurde über 

die Stärke der türkischen Armee berichtet.

"Die Türkei hat fünfhundertsechzigtausend bereitstehende Soldaten, ein einhalb Millionen 

Soldaten auf Reserve, die jederzeit einberufen werden können, an die fünftausend 

Tanker, 19 U-Boote, 24 Flotten Luftstreitkräfte ( Jede einzelne Flotte besteht aus 

12 - 18 Flugzeugen), und hat somit das weltweit neuntgrößte Heer. Die größten 

Produzenten von Kriegsfahrzeugen- und Materialien Deutschland hat das elftgrößte 

Heer und Frankreich das zwölftgrößte Heer."

Anschließend liefen wieder Kriegsbilder über den Bildschirm, Bosnien, Irak und 

der kurdische Teil der Türkei; wieder zerstörte Häuser, Mütter, die die zerstrümmelten 

Leichen ihrer Kinder umarmen und Klagelieder singen...

Sakine schaltete wieder den Fernseher aus und versuchte sich an Beschlüsse von 

Friedenskonferenzen, von denen sie in der Zeitung gelesen hatte und im Fernsehen 

gehört hatte, zu erinnern. Dann dachte sie an die vielen Millionen Menschen, die ihr 

Leben während des ersten und zweiten Weltkrieges verloren hatten ... Ihr Gedanken 

schweiften in die Ferne, Leyla Zana, die die zerbombten Dörfer besucht, eine grünende 

Blume zwischen den verbrannten Ruinen findet und diese streichelt und ihr eigenes Dorf, 

wo sie ihre Kindheit verbracht hat und das nun von jeder Landkarte verschwunden ist.

"Die Welt hat sich bisher noch nie einem solchem Chaos befunden, die Menschheit war 

noch nie so verdreckt. Das schmerzhafteste ist aber, dass die Türen der Hoffnung 

verschlossen sind." murmelte sie.

Glänzende Tropfen liefen ihre Wange runter. Sie stand auf, ging ins Bad und wusch sich 

das Gesicht.

Sie fing ein langes Klagelied an, ging in die Küche, um für ihre Kinder das Abendessen 

vorzubereiten und bemerkte nicht, wie ihre schöne Stimme die Zimmer durchströmte...

 

 

von  buch Der Traum der Liebe ( Sevgi)

  Sanatyapım Yayınları . Ankara

     Verlag Anadolu
     Hückelhoven- Deutschland
 
 
 

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                                                                              E-Mail: MollaDemirel@gmx.de

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