Ich glaube an kein Schicksal

Stehe auf, mein Sohn.
Schau aus dem Fenster.
Im Himmelsblau tanzen die Tauben
Auf dem Sportplatz warten Kinder auf dich.
Dein Traum war es immer,
die Helligkeit des Tages an Kinder zu verschenken.
Sieh, der Tag rennt gen Mittag,
wie ein verletzter Löwe liegt du im weißen Bett.
Stehe auf.
Der Himmel hat sich mit den sieben Farben
der Sonne geschmückt
Tausendundeine Blume geben dem Tag seine herrlichen Düfte.
In der Natur zwitschert die Lebensfreude
Schau durchs Fenster, auf die Kinder.

Versteh mich, die Zeit zerrinnt,
meine Sehnsucht nach hellen Tagen
meine Hoffnungen haben sich
versteckt in der  tiefsten Stelle des Eisbergs.

Weißt du, mein Sohn:
Ich glaube an kein Schicksal.
Wenn es tatsächlich ein Schicksal gibt,
es ist verflucht, ganz schändlich,
und ungerecht jener, der dieses Schicksal schrieb.
Diese Kinder wären nicht wie junge, keimende Knospen
und Jugendliche nicht eingeschlossen in die Nacht des Schmerzes.
So viele Menschen würden nicht in Armut leben, nackt und hungrig.
Wenn nicht ein Verfluchter der Schreiber dieses Schicksals ist,
warum fließen dann die heiligen Hoffnungen
in das unendlich große Schmerzensmeer?

Es bedeckt uns mit allem Schmerz der Erde,
führt die Kriege in unserer Welt,
lässt die Herzen der Kinder vor Angst erzittern.

Weißt du, dein Fall kam weder vom Sonnenstich
noch durch den Einfluss des Vollmondes

auch nicht durch den bösen Blick,
Nur von Müdigkeit und  Vernachlässigkeit.

Stehe auf, wenn dieses verfluchte,
dieses schändliche Schicksal
die Zukunft nicht in die Finsternis der Hölle tauchen soll.

Stehe auf.
Lass mich nicht im Dunkel der Hölle zurück
und in Wehklagen.
Einen solchen Schmerz kann kein Vaterherz  tragen.

01.09.2004

 

– Berfin / Bahar, Aylik sanat ve edebiyat Dergisi, Kasim 2004

– Merhaba  September, Türkische Kultur- und Informationszeitung  (Zeitung für Züd Deutschland)

September 2004