Ich glaube nicht

Wochen, Monate und Jahre bestehen wie die Glieder einer Kette aus sich aneinanderreihenden Tagen.

So sind auch mehrere Leben aneinander verknüpft wie diese Kettenglieder und Tage.
Der Mensch hegt stets die Hoffnung, Unerledigtes morgen zu vervollständigen.

Wird diese Hoffnung jedoch immer erfüllbar sein?
Ich glaube nicht.
Auch dieses Jahr gibt es viele Erwartungen, die Armut im neuen Jahr beseitigen zu können.

Werden alle in Armut lebenden Menschen im neuen Jahr gerettet?
Ich glaube nicht.
Werden alle von Krankheit betroffenen und gezeichneten Menschen ihre Gesundheit wiedererlangen?
Ich glaube nicht.
Werden Maßnahmen zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit ein Land schaffen,

in dem alle Menschen wieder eine Beschäftigung gewinnen?
Ich glaube nicht.
Wird es Frieden geben in einem Land, wo sich der Rassismus

und Glaubenskriege ausbreiten?
Ich glaube nicht.
Werden die entwickelten Staaten bessere Vorkehrungen treffen,

um die Zahl der Arbeits-

und Verkehrunfälle auf Null zu senken?
Ich glaube nicht.
Wir reden immer vom Weltfrieden und wünschen uns diesen für das neue Jahr.

Ist es denn zu glauben, dass der Weltfrieden gewährleistet werden kann,

solange die Waffentechnologien weiterentwickelt werden?
Ich glaube nicht.
Wird die Türkei mit seinen Nachbarstaaten wie Syrien

oder dem Irak im neuen Jahr in Frieden leben und sich zu einem Staat entwickeln,

der im gegenseitigen Vertrauen mit all seinen Nachbarländern lebt?
Ich glaube nicht.
Man sagt, allen Ländern voran seien Deutschland

und Frankreich die Wiege Europas und ein Beispiel für Demokratie,

allerdings steigt dort die Arbeitslosigkeit,

die Menschen werden wie im Klassensystem nach ihrem finanziellen

und sozialen Status in verschiedene Krankenzimmer eingeteilt,

die Ausländerfeindlichkeit wird verbreitet.

Können wir dann noch mit ruhigem Gewissen behaupten,

wir würden eine tatsächliche Demokratie in unserer Gesellschaft leben?
Ich glaube nicht.
Wenn eine Religion den größten Teil vom Staatsbudget abbekommt,

Minderheiten unterdrückt

und diskriminiert werden, können in einer Gesellschaft dann noch Frieden

und Freundschaft bestehen?
Ich glaube nicht.
Wenn in einem Land die Einheimischen jedes Jahr dutzende Einwanderer verfolgen

und sie mit ihren Kindern in ihren Häusern anzünden,

die zuständigen Behörden die Schuldigen decken

und den Migranten keinen Schutz bieten,

kann man der Justiz dann vertrauen?
Ich glaube nicht.
Wenn Korruption

und Amtsmissbrauch die Bürokratie verderben,

die Fehlbarkeit in führenden Stellen so groß ist,

können die Menschen dann noch einander

und die Gesellschaft seiner Staatsspitze Vertrauen schenken?

Ich glaube nicht.
Wenn die Mächte

und oppositionellen Parteien in der Arena internationaler

politischer Angelegenheiten gemeinsame Sache

machen als würden sie alle einer Partei angehören,

kann ein einzelner Staat dann wachsen und selbstständig sein?
Ich glaube nicht.
Wenn ein Staat sich mehr

und mehr verschuldet,

seine Technologien

und Wissenschaften nicht mehr mit denen anderer Länder mithalten können,

genießt dieser Staat dann noch Anerkennung

und Fortschrittspotenzial?
Ich glaube nicht.
Wenn in einem Land militärische Mächte die Dörfer

und Wohngebiete Zwangsumsiedeln, verbrennen,

seine Bewohner mit Bomben bewerfen,

kann eine Bevölkerung dann noch darauf vertrauen durch seinen eigenen Staat geschützt zu werden?
Ich glaube nicht.
Werden die führenden Gremien Alleviten,

Kurden,

Armeniern,

Juden,

Jeziden,

Türken

und den unterschiedlichen Konfessionen eine Gleichberechtigung bescheren,

ihnen gleiche Chance in allen bürokratischen Instanzen

und gleiche Aufstiegsmöglichkeiten in die obersten Ränge der Heere ermöglichen?
Ich glaube nicht.
Wenn die obersten Führer eines Staates nicht mit den Oppositionellen zusammenarbeiten wollen,

ihnen aufgrund ihrer unterschiedlichen ethnischen

und religiösen Herkunft mit Spott entgegnen,

sich nicht im demokratischen Gedanken für Kultur-,

Bildungs- und Sozialbelange zusammenschließen,

kann die Gesellschaft dann für ein friedliches Zusammenleben motiviert werden?
Ich glaube nicht.
Wenn den religiösen Einrichtungen ein größeres Budget zugeteilt wird als dem Kultur-

und Bildungsbereich,

kann ein Land dann junge Wissenschaftler mit neuem Erfindergeist heranziehen?
Ich glaube nicht.
Können sinnlosen Prüfungsinhalten an Schulen

und dem Heranwachsen von elitären Privatschulen Einhalt geboten werden?
Ich glaube nicht.
Wenn all die Fragen,

die ich hier oben aufgezählt habe,

nicht bejaht werden können,

ist dann Frieden in einem solchen Land überhaupt möglich?
Ich glaube nicht.

 

Alle sollten zum Jahreswechsel wenn auch nur für einen kurzen Moment innehalten

und über diese Fragen nachdenken anstatt sich besinnungslos zu trinken,

verrückt zu tanzen,

überteuerte Silvesterfeiern oder Restaurants zu besuchen

oder sich vom Silvesterprogramm mit prominenten Musikstars im Fernsehen zu berieseln.

Während die Meisten vor dem Fernseher sitzen,

konnte ich nicht anders als über all diese Fragen nachzudenken

und bin zu dem Schluss gekommen,

dass für alle Menschen, ganz gleich wo sie auf der Welt leben,

der Neujahrstag nicht anders sein wird als der letzte Abend im Jahr.

Alles, was ich heute nicht erledigen konnte, werde ich morgen fortführen.
Ich wünsche allen ein erfülltes neues Jahr.

1. Januar 2015