Karl und seine Freunde

Karl schellte früh am Morgen. Die ganze Familie Kaya wurde vom Klingeln wach. Emine rieb sich
die Augen und stand auf. Um die Tür zu öffnen, drückte sie auf den automatischen Knopf für die
Außentür.
„Wer ist das wohl so früh am Samstagmorgen?“ fragte sie sich. Karl rannte die Treppe zum zweiten
Stock hoch. Dabei wurden auch die Nachbarn der Kaya’s durch seine Schritte wach.
„Wir sind durch den Lärm der Ausländer wach geworden. Die Kinder lassen uns keine Chance,
Samstags lange zu schlafen. Auch wenn man es tausendmal sagt, sie verstehen es nicht. Wenn sie
nur aus diesem Haus verschwinden würden. Sie haben diese dreckigen Schwarzköpfe mit ihren
Kindern einziehen lassen; als wenn es keine Deutschen geben würde“, sagte Frau Schuster.
Karl streckte seine Hand nach der Tür aus, die einen Spalt geöffnet war. Als er sie weiter öffnete,
sah er die Mutter von Jusuf im Morgenrock hinter der Tür stehen. Auf einmal stoppte er und wußte
nichts zu sagen. Es war so, als hätte er seine Zunge verschluckt. Emine sah Karl scharf an. Sie war
sauer, weil sie so früh gestört worden war, sie hatte heute lange schlafen wollen.
„Dieses Kind läßt unsere Kinder nicht in Ruhe. Was versteht er denn von unseren, das verstehe ich
nicht. Ich habe Angst, dass unsere Kinder, wenn sie groß sind, wie die Deutschen ihre Eltern nicht
anerkennen. Wenn man mit einem weisen Pferd zusammenlebt, bekommt man von ihm seine Farbe
oder Art,“ dachte sie bei sich.
Dann hielt sie die Hand des Kindes fest, das sie anblickte.
„Was ist Karl? Hast du unser Kind, Jusuf, im Traum gesehen? Heute ist Samstag, du hast keine
Schule, warum schläfst du nicht länger?“
Als Karl Emine vor der Tür gesehen hatte, war ihm so, als hätte er einen Schock erlitten. Er wußte
nicht wie er antworten sollte. Ohne einen Laut von sich zu geben, schaute er in Emines Augen. Sie
wiederholte ihre Frage noch einmal.
Emine sah, dass sie keine Antwort bekommen würde. Dann kniff sie nervös in seine Hand.
„Möchtest du etwas? Rede doch Karl!“
Karl lächelte ungewollt, er zuckte zusammen und schaute zu Boden.
„Weißt du, Tante Emine, Murat ist heute aus der Türkei gekommen. Er war doch der beste Freund
von Jusuf und mir. Sein Vater hatte ihn doch in der Türkei gelassen, jetzt sind sie wieder zurück-
gekommen; das wollte ich Jusuf nur berichten.“
„Ach so ist es, die Nachbarn sind aus dem Urlaub zurück. Schwester Zehre hat Murat zurückgeholt.
Wie ist es, geht es ihm gut? Warte mal, sollte Murat nicht dort zur Schule gehen?“
Da Emine selbst Mutter ist und sehr gern möchte, dass ihre Kinder lernen, ist sie nicht damit
einverstanden, wenn Kinder dauernd Schule und Land wechseln.
„Sie spielen mit der Zukunft des Kindes,“ sagte sie zu sich selbst.
„Dem geht es gut, der ist schön braungebrannt. Nur mochte er die Schule dort nicht, deshalb hat er
sehr geweint. Die Eltern haben es nicht ausgehalten und ihn deshalb zurückgeholt. Wir haben uns
sehr gefreut. Glaub mir, ich habe mich sehr gefreut und Jusuf wird sich auch freuen.“
Emine mißfiel der Satz:
„Er mochte die Schule dort nicht“, er störte sie sehr; ihr Gesichtsausdruck änderte sich.
„Wer hat das gesagt? Hat Murat dir das gesagt? Wollte er nicht von seinen Eltern getrennt sein
oder mochte er die Schule nicht?“
Karl war es, als verstände er, was in ihr vorging. Er lachte. Er schaute Emine ins Gesicht und
streichelte ihre Hände.
„Ich weiß, du magst Kinder, die fleißig sind und gerne in die Schule gehen. Murat war auch sehr
fleißig, aber er mochte die Lehrer dort nicht. Sie schlagen unschuldige Kinder und beschimpfen sie.
Er konnte sich auch nicht an die Kinder in der Schule und im Viertel gewöhnen, er war ihnen immer
fremd. Sie nannten ihn „Deutscher Murat“ und wenn sie böse waren „Deutsches Kind“. Das tat ihm
innerlich weh. Außerdem träumte er Nachts immer von seiner Mutter, seinem Vater und von uns,
seinen Freunden. Wenn er wach war, setzte er sich aufs Bett und weinte. Seine Großmutter, sein
Großvater und seine Onkel waren auch sehr traurig darüber. Sie wollten, dass er nach Deutschland
zurückkehrte.“
„Die Lehrer schlagen die Kinder,“ – bei diesen Worten mußte Emine an ihre Kindheit denken. Als
sie am zweiten Tag in der Grundschule mit ihren Freunden spielte, fiel Fatma hin und ihre Zähne
bluteten. Der Lehrer gab ihr die Schuld daran und schlug sie. Sie fing mit neun Jahren die
Grundschule an. Schon in diesem Alter benahm sie sich wie ein jugendliches Mädchen. Es verletzte
ihren Stolz, dass ihr Lehrer sie vor 60 Mitschülern schlug. Als sie abends nach Hause kam, sagte
sie zu ihrer Mutter:
„Eher will ich sterben, als in diese Schule gehen.“
Ihr Vater bat sie sehr, aber sie weigerte sich und ging nie wieder dort hin. Sie dachte an diese Tage.
Sie dachte daran, dass sie nicht einmal ein Grundschulzeugnis hatte, während ihre Freunde alle
Lehrer, Ärzte, Ingenieure usw. wurden. Als sie dies verglich, wuchs in ihr der Schmerz darüber,
wie sehr sie unterdrückt worden war.
„Das sind keine Menschen, sondern Eselskinder; das sind keine Lehrer, sondern dreckige Sadisten.“
Diese Worte kamen über ihre Lippen und sie sagt es sehr hasvoll, ohne es zu bemerken. In diesem
Moment rannte Karl ins Zimmer von Jusuf. Jusuf schlief noch tief. Karl sprang auf ihn zu und
streichelte seinen Kopf unter der Decke.
„Was ist los Karl, hat dich deine Mutter so früh aus dem Haus geschmissen?“ fragte Jusuf.
„Jusuf, rate mal, was für eine Nachricht ich für dich habe, wer gekommen ist?“
Jusuf schien sagen zu wollen:
„Laß mich in Ruhe mit deiner Nachricht und wer gekommen ist, aber dann entschied er sich doch
anders. Er schaute Karl in die Augen als wolle er sagen:
„Freund, nun gib mir deine Nachricht!“
„Freund, unsere Clique ist wieder zusammen, unsere Clique vom Kindergarten ist wieder zusammen.“
„Ist Murat aus der Türkei zurückgekommen oder Sven aus Süddeutschland?“ Seine Augen leuchteten
und er wurde wach.
„Du hast alles erraten. Alle beide sind zurück. Jetzt sind wieder zusammen, nur einer fehlt noch.“
„Wer ist es?“
„Bist du aber ein Dummkopf! Wer soll es schon sein? Du bist es! Um die Lücke zu füllen, haben sie
mich zu dir geschickt. Deine Mutter soll es nicht Hören; sie warten auf dich.“
Emine ging ins Badezimmer um sich zu waschen. In diesem Moment rief Jusuf:
„Mutter, ich werde bei Karl und Murat frühstücken, warte nicht auf mich!“ und war wie der Blitz
draußen. Sie schaute den Kindern nach.
„Mein großer Gott, schau dir die Kinder an. Sie sind viel besser als wir Erwachsenen. Wo wir uns
Ausländer, Moslem oder Katholik nennen, sind sie Freunde. Sie kennen keinen Unterschied.
Hoffentlich werden sie immer so denken, auch wenn sie erwachsen sind, “ dachte sie.
Karl und Jusuf rannten leicht wie die Vögel zum Spielplatz vor der Kirche, wo ihre Freunde auf sie
warteten.
Jusuf umarmte jeden einzelnen. Als er Sven umarmte, sagte er:
„Wie groß du geworden bist; ich hoffe, dass unsere Clique im Armdrücken immer gewinnen wird.“
Sven zeigte seine Muskeln.
„Sie sind noch nicht so weit, dass ich mit dir kämpfen könnte, aber ich habe viele Übungen gemacht,
damit sie stark werden.“
„Freunde, die Aufgabe, die ihr mir gegeben habt, gebe ich nun dem alten Leiter zurück. Ab jetzt soll
wieder Murat unsere Clique leiten,“ sagte Bernd.
Murat genierte sich schaute auf den Boden. Er überlegte einen Moment, was er seinen Freunden
sagen sollte, dann sagte er verlegen:
„Ich bin jetzt neu gekommen, ich war eine Zeitlang weg. Mit meinen Erinnerungen wollte ich immer
bei euch sein. Alle Erinnerungen wollte ich lebendig erhalten. Als ich hörte, dass Bernd Anführer
geworden ist, habe ich mich sehr gefreut. Er soll weiter Anführer sein.“
Bernd hielt Murat am Rücken fest und hob ihn hoch. Karl sprang auf und nahm Murats Beine; beide
schaukelten ihn. Die Freund riefen wie aus einen Mund dreimal:
„Murat ist unser Führer!“
Dann ließen sie ihn langsam zu Boden. Alle setzten sich leise. In Jusufs Augen war Murat ein Held,
wie im Märchen, er sah ihn voller Stolz an. Dann nahm er Murats Kopf unter seine Achsel und
streichelte ihn etwas. Bernd begann:
„Unsere Clique ist wieder zusammen. Laßt uns, den Plan durchführen, den wir gemacht hatten Diese
Woche gibt es in unserer Stadt eine Kirmes. Wir wollen Sven und Murat auf die Kirmes einladen
und ihnen etwas ausgeben. Danach gehen wir ins Hallenbad…
Jetzt holen wir aus der EKSG (Evangelisch-Katholische Studentengemeinde) zwei Kisten, die wir zu
einem Geschäft bringen müssen. Dort holen wir einige Sachen, dann gehen wir.“
Murat zeichnete mit einem Stock, den er in der Hand hielt, ein Quadrat auf dem Boden, er schluckte.
Dann zeichnete er ein Minus in das Quadrat. Die Freunde merkten, dass er damit sagen wollte:
„Ich bin nicht dabei.“
Bernd schaute seine Freunde der Reihe nach an. Dann legte er eine Hand auf Murats, die andere auf
Svens Schulter.
„Wir wissen, dass ihr beide neu gekommen seid. Da Murat jetzt aus der Türkei gekommen ist, hat er
noch kein Taschengeld gekriegt. Doch da wir wußten, dass ihr zurückkommt, haben wir uns geeinigt,
euch einzuladen. Wir haben Geld zum Ausgeben gespart.“
Murat nickte einverstanden
„Wir haben seit drei Monaten keine Kirmes mehr gesehen und haben Sehnsucht danach,“ sagte Ralf.
„Ich habe auch Sehnsucht nach den Autoscotern, den Schiffschaukeln, den Flugzeugen usw., und
wenn unser Geld reicht, können wir noch auf vieles mehr machen und uns ausreichend amüsieren.“
„Du hast wohl die Schokoladenäpfel und Bonbons vergessen, die unsere Gesichter rot machen,
nichts macht mehr Spaß als das. Und wenn bei so einer Sache auch noch unerwartetes Geld
dazukommt…,“ unterstrich Karl seine Rede.
Murat verstand.
„Sie haben das Geld nicht vom eigenen Taschengeld gespart. Sie hatten früher aus Spaß ein paarmal
Geld aus der EKSG-Kasse genommen, das werden sie wohl richtig weiterentwickelt haben,“ dachte
er bei sich. Er legte die eine Hand auf Bernds, die andere auf Ralfs Schulter.
„Seid mal ehrlich, habt ihr die Kasse der EKSG geplündert? Schaut, in einer solchen Sache bin ich
nicht dabei. Ihr wißt, dass dort Onkel Cetin arbeitetet. Ich habe es einige Male mit euch gemacht,
doch Cetin hat es meinem Vater gesagt. Wir hatten gesagt, dass wir so einem dummen Mann ruhig
die Stifte vom Tisch und das Geld aus der Kasse nehmen könnten, er würde es nicht merken. Aber
er hatte es bemerkt und uns verfolgt. Mein Vater hat es mir bei der Rückkehr erzählt. Ehrlich, ich
habe mich sehr geschämt.“
Bernd und Ralf sahen sich in die Augen, dann sahen sie hilfesuchend zu Karl hinüber. Er war auch
sprachlos und schaute beschämt zu Boden. Martin rettete sie.
„Vergiß die alten Tage Freund, sieh auf das Heute. Wir sind älter geworden.“
Um das Thema zu wechseln, sang er das Lied „Los ins Vergnügen“, Bernd und Ralf stimmten ein.
Murat hatte es auch wieder in Erinnerung und sang mit, die anderen Freund auch. Sie erreichten
einen guten Klang. Den Leuten, die vorbeigingen, gefiel es sehr. Nachdem sie gemeinsam gesungen
hatten, gingen sie und holten die zwei Kisten. Und brachten sie zum Geschäft.
Jusuf, Martin, Joachim, Ralf, Yunus und Karl brachten sie ins Geschäft. Bernd, Sven und Murat
setzen sich vor dem Fenster der Eingangstür auf ein Holzbrett. Sie schauten sich die Leute an, die an
der Kasse bezahlten; ab und zu machten sie einen Witz, Sprüche unter sich und lachten.
Joachim ging von der Kasse weg, drehte ihr den Rücken zu. Er holte Schokolade aus seiner Tasche
und gab jedem ein Stück. Jusuf und die anderen Freunde hatten sich ganz hinten an der Kasse
angestellt.
„Du mochtest Schokolade sehr gern. Konntest du auch in der Türkei Schokolade kaufen ?“ fragte
Sven Murat.
„Es gab sie nicht. Die Schokolade von hier ist leckerer und das Lokum dort war zu teuer, wir
konnten es nicht immer kaufen.“
„Man kann nicht immer kaufen, Freund. Die Geschäfte verdienen genug. Wenn die Kinder dort, so
wie wir jetzt, ihren Teil insgeheim nehmen würden … Die dreckigen fetten Schweine haben ihre
Kassen genug gefüllt. Sie denken nicht an solche Kinder wie uns. Von Fest zu Fest bekommt man
nur einen Luftballon, darauf sind ihre Bilder und Reklame.“
Er kaute und kaute das Stück Schokolade, aber er konnte es nicht schlucken. Seine Augen wurden
groß und in ihm wuchs eine Angst.
„Was! Habt ihr sie geklaut? Schnell, wir gehen!“
In diesem Moment hielt Karl Murats Arm fest und schubste ihn nach vorn.
Sie waren fast an der Tür, da schrie einer:
„Haltet sie fest, laßt sie nicht los, fangt die ausländischen Kinder!“ … Es sind Diebe, fangt sie !..
Schwarzköpfige Diebe!..“
Murat war über das Geschrei erstaunt. Er stand, als sei er festgenagelt, die anderen rannten weg.
Einige Leute rannten, um die Kinder zu fangen. Dann zeigte eine Frau, die auf ihrem weißen Kittel
das Schild des Geschäfts hatte, auf Murat.
„Er war auch mit den weggelaufenen Kindern zusammen. Ich habe sie gesehen, als sie vor dem
Fenster zusammen waren.“
Ein dicker Mann stieß Murat und hab ihn an den Schultern hoch, dann ließ er ihn schnell fallen, Er
hob ihn auf und gab ihm einige Ohrfeigen. Dann trat er ihn einige Male in den Hintern. Murat war es,
als sie der ganze Himmel auf seinem Kopf. In seinen Augen glühte Feuer, seine Tränen wurden zu
seinem fließenden Bach. Eine Zeitlang schaute er in die Richtung, in die seine Freunde gerannt waren.
Er sah, wie Jusuf auf ihn zurannte – ohne nachzudenken rannte Jusuf zurück – er hörte die
Bremsgeräusche des roten Autos und den Schrei von Jusuf.
Auch er schrie, ohne es zu wollen: „Jusuf!“
Er wollte zu ihm rennen, doch der dicke Mann hielt seinen Arm wie in einer Zange. Er versuchte,
sich zu befreien und schrie nochmals: „Jusuf, Jusuf!“
Der Mann zog ihn ins Büro des Geschäftes. Mit seiner ganzen Kraft schubste er Murat zu Boden
und schloß die Tür. Der Mann, der im Büro schrieb, legte seinen Stift weg und stand hastig von
seinem Stuhl auf.
„Ihr dreckigen Diebe, ihr dreckigen Schwarzköpfe, was müssen wir nur wegen euch machen. Ihr
seid gekommen und stört hier die Ordnung. Auch wenn ihr hier geboren seid, aus dreckigen
Schwarzköpfen werden keine Menschen. Schaut ihn euch an. Von der Schlange wird natürlich
eine Schlange geboren…“
Murat sah die beiden Männer voller Haß an.
„Ich bin kein Dieb. Ich habe Ihnen nichts geklaut. Ich bin kein Dieb, ihr seid Diebe…“
Murat wollte weiter reden, aber durch den Schlag des blonden Mannes fiel er zu Boden. Der Mann
rief mit dem Telefon, das auf dem Tisch stand, die Polizei an.
Nach kurzer Zeit kamen zwei Polizeibeamte. Sie durchsuchten Murats Taschen. Sie schauten in seine
Strümpfe und Schuhe. Sie fanden nichts. Der starke Polizist hielt ihm am Kopf und sagte:
„Mach den Mund auf, du dreckiger Mensch!“
Er öffnete seinen Mund und man sah, dass er Schokolade gegessen hatte.
„Ja, man sieht, dass dieser Dieb Schokolade geklaut und gegessen hat. Sein Mund ist voll
Schokolade von dem dreckigen…“, sagte der dicke Polizist.
Der dünne lange Polizist sagte langsam und mit leiser Stimme:
„In den Taschen und Händen des Jungen haben wir nichts gefunden. Wie sollen wir ihn denn
festnehmen? Ich schlage vor, wir bringen ihn nach Hause und reden mit den Eltern.“
Der dicke Polizist war nicht einverstanden.
„Wir nehmen ihn mit und bringen ihn zur erkennungsdienstlichen Abteilung, dort lassen wir
Fingerabdrücke und Photos machen. Die Eltern sollen dorthin kommen.“
Der junge Beamte kam zum Tisch und sah Murat. Traurig sagte er:
„Bitte sehen sie, das ist doch noch ein Kind. Er ist neu hier hergekommen, er kann nicht stehlen.
Wir brauchen ihn nicht mitzunehmen. Wir bringen ihn nach Hause und sprechen mit den Eltern. Ich
hoffe, dass der Inhaber, Herr Meierhoff , meinem Vorschlag zustimmt. Das Kind hat Schläge
bekommen, seine Lippen sind aufgeplatzt. Es hat große Angst. Ich glaube, dass das letzten Endes
nicht gut für uns ist, und für die, die das Kind geschlagen haben.“
Murat merkte erst jetzt, als der junge Polizist es sagte, dass seine Lippen aufgeplatzt waren. Durch
den Schock, den er bekommen hatte, spürte er es nicht.
Der junge Polizist wollte seinen Kollegen aufrütteln, er wollte verhindern, dass er den unschuldigen
Jungen verurteilte. Er wollte nicht, dass der Name eines unschuldigen Kindes in die Polizeiakten
kommt. Er wollte es verhindern. Gleichzeitig wollte er das Personal und den Leiter des Geschäftes
darauf aufmerksam machen, dass sie ein unschuldiges kleines Kind, nur weil es ein Ausländer war,
geschlagen hatten.
Der Geschäftsleiter bekam etwas Angst, da er begriff, war der junge Beamte aufgezeigt hatte.
„Ja, Herr Polizeimeister, diesmal wollen wir dem dreckigen schwarzköpfigen Kind verzeihen, aber
reden sie bitte mit den Eltern. Wir werden es auch tun. Auf diesem Wege können wir seine Freunde
finden und mit ihnen reden. Wenn sich so etwas wiederholen sollte, werden wir uns beschweren.
Dieser Junge ist zwar auch ein Dieb, aber diesmal verzeihen wir ihm.“
„Ich bin kein Dieb, “ murmelte Murat.
Der junge Polizist kam zu ihm und strich über seine Haare, er holte ein Taschentuch und putzte ihm
damit den Mund ab. Bei sich dachte er:
“ Wie kann man nur so einem süßen Kind etwas antun?“
Der Leiter des Geschäftes und sein Kollege sahen ihn böse an. Dann sagte der ältere Polizist zu
dem Kind:
„Los jetzt, gehen wir zu dir nach Hause!“ Er zog ihm am Arm.
Als sie die Außentür erreicht hatten, sagte er:
„Lassen wir das Kind, es soll nach Hause gehen. Es hat viele Schläge bekommen. Bei dem Kind,
das den Autounfall hatte, hat man auch nichts gefunden. Sie sind keine Diebe; weil sie Ausländer
sind, sind sie in Panik geraten und abgehauen. Der andere wurde ins Krankenhaus gebracht.
Lassen wir ihn doch nach Hause gehen. Wenn wir mit ihm gehen, bekommt er anschließend auch
noch von seinen Eltern Schläge. Wenn die Nachbarn uns mit dem Kind sehen, werden sie es und
seine Eltern mit Vorurteilen anblicken. Das sind auch Menschen, ich bitte Sie, lassen sie den Kleinen,
er ist unschuldig.“
Sie ließen Murat frei. Er rannte zu der Stelle, wo Jusuf den Unfall hatte. Er sah die harten
Bremsspuren, Blutspuren waren keine da.
„Bitte lieber Gott, Jusuf soll nichts geschehen! Bitte lieber Gott, hilf du ihm!“ betete er.
Heute erlebten die Kinder einen unerwarteten Vorfall. Sie verteilten sich wie Sommersprossen.
Auf diesem Wege haben Murat und Jusuf Schmerzen erlitten.
Jusuf hatte sich gerettet, er kam nur zurück, als es sah, dass Murat Schläge bekam. Was passierte,
ist passiert. Damit sein Freund nicht weiter geschlagen würde, rannte er ohne aufzupassen auf die
Straße. Er wollte sagen, dass Murat kein Dieb sei und ihm helfen.
Gott sie Dank, dass der Fahrer rechts ausgewichen war und gebremst hatte. Weil Jusuf so schnell
gelaufen war, konnte er nicht stoppen; er stürzte auf die Stoßstange und dann mit dem Gesicht auf
die Straße. Als er fiel, spürte er einen Schmerz im Bein und blieb liegen. Der Fahrer stieg aus und
wollte ihn vom Boden aufheben. Jusuf konnte nicht auf dem Bein stehen und fiel um. Der Fahrer nahm
ihn auf den Arm, er ließ sein Auto stehen und brachte ihn mit einem Taxi ins Krankenhaus.
Dieser unerwartete Vorfall bereitete den Kindern und Eltern viele Sorgen.
„Diese Migranten Kinder verführen unsere Kinder zum Stehlen,“ sagte Svens Mutter. Sven, Karl
und Bernd widersprachen, sie erzählten, wie es gewesen war.
Sie gingen zur Mutter von Jusuf und entschuldigten sich, sie schickten ihm häufig Geschenke.
Als Jusuf im Krankenhaus Schmerzen spürte, erfuhren die Eltern von den Freunden, dass ihre Kinder
Lust am Klauen hatten. Da sie das aus Spaß taten, hatten sie nicht darüber nachgedacht, dass ihre
Eltern es erfahren, sich schuldig fühlen und Sorgen machen würden. Sie wollten sich nur miteinander
vergnügen und hatten nicht gedacht, dass sie einen schlechten Weg einschlugen.
An diesem Tag war ihr Plan ins Wasser gefallen und sie hatten ihren geliebten Freund Jusuf aus dem
Schlaf geweckt. Jusufs Bein war an vier Stellen gebrochen, es bestand Gefahr, dass es amputiert
werden müßte.
Jeden Tag ging einer und besuchte Jusuf. Sie halfen ihm, damit er nichts in der Schule versäumte
und brachten ihm immer die Hausaufgaben. Jeden Tag machten sie gemeinsam Schularbeiten. Als
sie das Bein von Jusuf immer in Gips sahen, schworen sie sich, nie wieder eine solche Sache zu
machen. Karl weinte oft innerlich um Murat und Jusuf, die von diesem Vorfall betroffen waren,
weil er sie so früh am Morgen geweckt hatte.
„Wenn ich sie nicht geweckt hätte, sie nicht gerufen hätte, wäre all dies nicht passiert.“
Die Mutter von Jusuf beschuldigte Karl und die anderen Kinder nie, obwohl in ihr morgens eine
Angst wuchs.
„Kinder passen sich immer an, manchmal tun sie etwas, ohne lange nachzudenken. Manchmal
stehen sie unter dem Einfluß der Filme, sie möchten sie nachmachen. Ich hoffe, dass dieser
Vorfall ihnen eine Lehre sein wird. Ich hoffe, dass sich nie in ihrem Leben eine so schlimme Sache
wiederholt.“
Dies war auch allen anderen Kindern eine Lehre. Sie hatten gelernt, dass schlimme Sachen schlimme
Folgen haben.